Verfasst von: Hao | 2. November 2011

Der Heilmacher vom Schellenberg

Papa, mach mal wieder heil!

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich diese Bitte in meiner Kindheit an meinen Vater gerichtet habe. Er war die einzige Rettung, wenn mein Teddybär erblindete und mein Dreirad eierte. Besonders nach Weihnachten und nach meinem Geburtstag hatte Vater Hochkonjunktur.



Später war er dann meine Anlaufstelle für nicht mehr funktionierende Fahrräder, Mopeds und alte Autos. Mit großer Geduld brachte er wahre Wunder zustande. Als mein Lebensweg von zu Hause wegführte, stand mir diese Hilfe noch telefonisch zur Verfügung. Wenn ich dann aber einen Besuch bei den Eltern machte, konnte ich ihm keine größere Freude bereiten, als ihm irgendwelche Dinge, die im Laufe der Zeit defekt wurden, zur Reparatur mitzubringen. Papa war für seine Reparaturen bekannt, nicht nur am Schellenberg, sondern über die Grenzen von Remscheid-Lennep hinaus.

Papa, mach mal wieder heil!“ Dieser Satz fällt mir besonders dann ein, wenn ich am Sonntagmorgen die Glocken höre, weil sie mir zurufen, dass da noch ein anderer ist, der mich heilmachen will. Deshalb kann ich auch mit anderen hilfsbedürftigen Menschen in der Liturgie singen: „Herr, erbarme Dich! Christe, erbarme dich! Herr, erbarm dich über uns!“


Dabei schließe ich mich dem Ruf der zehn Aussätzigen an, die Jesus nachgeschrieen haben, weil sie wussten, dass nur er sie wieder heilen konnte. Mit diesem Bittruf „Herr, erbarme Dich!“ reihe ich mich bei jenen Kranken ein, weil auch ich immer wieder vom Aussatz der Sünde angefressen werde. Da sich bekanntlich nur Baron Münchhausen an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen konnte, ist für mich der sonntägliche Gottesdienstbesuch nicht nur wichtig, sondern lebensnotwe
ndig. Dort erlebe ich die heilmachenden Kräfte des „Heilands“ in den gemeinsamen Liedern, der Predigt, den Gebeten, dem Segen und der Gemeinschaft.


Ich stimme nicht in das Klagelied über die Schuld ein, die die Kirche im Laufe der Zeit begangen hat. Menschen sind immer wieder sehr erfinderisch, andere für ihren „Unglauben“ verantwortlich zu machen. Wenn die Gemeinde immer wieder mit einem Schiff verglichen wird, dann vergesse ich nicht, daß ein Schiff auch nur von Nieten zusammengehalten wird. Von daher habe ich es auch schon leidvoll erfahren müssen: Christen können enttäuschen, Christus nie! Schließlich ist es besser, eine Kerze anzustecken, als über die Finsternis zu schimpfen.


„Papa, mach mal wieder heil!“ kann ich seit April 1986 nicht mehr sagen. „Heile Du mich, Herr, so werde ich heil; hilf du mir, so ist mir geholfen.“ (Jesaja 17, Vers 14) dagegen darf ich weiterhin täglich bis zu meinem Lebensende beten. Wenn mich die abgearbeiteten Hände meines Vaters in 37 Jahren nicht einmal im Stich gelassen haben, sollten dann die von Nägeln durchbohrten Hände des Heilands nicht auch heute Land und Leute heilen? Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

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Responses

  1. Ja, die oben erwähnten 10 Aussätzigen – und doch möchte ich mit dem Einem (Lukas 17,15) immer wieder zurückkehren und Gott mit lauter Stimme loben.
    So war es mir vor einiger Zeit das plötzliche Bedürfnis – es standen drei Security-Männer vor einer Tankstelle und ich stellte mich vor sie hin – das Lied „Einen Freund hab‘ ich gefunden…..“ zu singen.


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