Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Aus-oder Einweisung?

(K)eine Ausweisung

Immer dann, wenn der November mit seinen kalten Tagen kommt, wenn ich anfange zu frieren, wenn die stillen Sonntage mein Nachsinnen anregen, gehen meine Blicke nicht nur weit voraus, sondern auch in die Vergangenheit. In solchen Augenblicken muss ich an den Schuster Voigt denken, vielleicht besser bekannt als „Hauptmann von Köpenick“. Neben sehr vielen wichtigen Passagen des Streifens, die mir immer wieder unter die Haut gehen, ist es wohl eine Szene, die ich als eine Sternstunde des deutschen Films bezeichnen möchte.

Jener Schuster Voigt erhält mit Brief und Siegel die amtliche Ausweisung. Wie er darauf zu seinem Schwager Friedrich reagierte, der gerade von einer Reserveübung unbefördert wieder nach Hause kam, hört und sieht sich wie folgt an: 

„Vorhin, uff’m Friedhof, da hab‘ ick se jehört, die innere Stimme. Da hat se jesprochen, da hat se zu mir jesagt: Mensch, hat se je sagt, einmal kneift jeder ’n Arsch zu – du auch, hat se jesagt, und dann stehste vor Jott dem Vater, der alles jeweckt hat, vor dem stehste denn, un der fragt dir ins Jesichte: Schuster Willem Voigt, wat haste jemacht mit dein‘ Leben, un dann muss ick sagen: Fußmatte… Fußmatte, muss ick sagen, die hab ick jeflochen in Gefängnis, un da sind se alle drauf rumjetrampelt. Und Gott der Vater sagt zu mir: Jeh weg, sagt er, Ausweisung, sagt er, detwegen hab ick dir det Leben nich jeschenkt, det biste m’r schuldig, sagt er, wo isset? Wat haste ‚mit jemacht? Un denn, isset wieder nischt mit de Aufenthaltserlaubnis… „

Dramatischer geht es wohl kaum, was uns Heinz Rühmann in seiner beeindruckendsten Rolle ins Stammbuch schreiben will.

Ausweisung

Ich habe im vergangen Jahr viele Menschen zu Grabe getragen, doch keine Beerdigung entartete zur Routine. Ich muss als Trauerredner immer als erster hinter dem Sarg oder der Urne zum Grab gehen. Dann spult er ab, der Lebensfilm. Immer die gleiche „Vorstellung“: Je länger der Weg zur letzten Ruhestätte ist, umso mehr Szenen meines Lebens laufen an meinem innerlichen Monitor ab. Immer wieder höre die Frage: „Hao, wat haste jemacht mit dein‘ Leben?“ Nein, Fußmatten habe ich nicht geflochten, aber viele andere nutzlose Dinge, auf denen sicherlich auch Menschen nur drauf rumgetrampelt waren. Ich gehe weiter und sehe die vielen Gräber und denke mir: Hier hast du auch einmal gestanden, und dort auch. Und vielleicht steht in 14 Tagen auch mein  Name auf einem Grabstein?


Das offene Grab kommt immer näher und die Stimme wird immer lauter: „Hao, wat haste jemacht mit dein‘ Leben?“ Nein, keiner hört sie, die Stimme. Gott spricht mich ganz persönlich an. Und meine Antwort? „Herr, ich hab auch nur Fußmatten jeflochten.“


Was höre ich? Menschlich gesehen habe ich nur eine einzige Antwort verdient: „Ausweisung, detwegen hab ick dir det Leben nich jeschenkt, det biste m’r schuldig“, sagt Gott. „Wo isset? Wat haste ‚mit jemacht?… Ausweisung!!!!“


In solchen Augenblicken möchte ich mich am liebsten verkriechen und weglaufen. Die Angehörigen der Verstorbenen auf dem Prüfstand, Hao auch.

Ich sehe, wie der Sarg langsam verschwindet, die Sargträger sich verneigen und höre wieder die Stimme: „Hao, wat haste jemacht mit dein‘ Leben?“

Ja, spätestens jetzt müsste ich meine Koffer packen, weil ich ausgewiesen werde.

Doch jetzt kommt das Ungeheure. Ich trete vor das Grab und rufe der Trauergemeinde zu: „Jesus Christus spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft“.


Routine? Nie! Mir schwanken die Knie. Nein, ich höre nicht den Todesbefehl: Ausweisung, sondern die unverdiente Zusage Jesu: „Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ Nein, das ist keine Routine, da strahlen vielleicht zum ersten Mal an dem Tage meine Augen: Ich werde nicht ausgewiesen! Ich werde eingeladen nach Hause zu kommen. Ich darf leben, leben auch im Angesicht eines offenen Grabes.


Keine Ausweiung

Weil Gott zu seinem Sohn am Kreuz, der dort stellvertretend für uns hing, gesagt hat: „Du bist ein Sünder, Ausweisung!“ Deshalb ruft er uns zu: „Komm heim, ich warte auf dich! Komm her zu mir, ich habe dich lieb. Eine Ausweisung gibt es nicht!“


Später verlasse ich den Friedhof mit dem Wissen: Nein, keine Ausweisung, ich bin ein Eingewiesener. Tolle Aussichten an diesem eigentlich traurigen Tag, eine Aufenthaltserlaubnis für den Himmel zu haben.

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