Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Danke Sabrina!

Bereits gegen 13 Uhr war ich richtig kaputt. Kein Wunder, aber so ein Kirchentag zehrt schon an den Kräften. Systematisch kämpfe ich mich durch die Kölner Messehallen, ich will schließlich nichts verpassen.

Doch dann kommt der Punkt, an dem ich einfach nicht mehr kann. Ich schmeiße mich förmlich auf einen Stuhl, den ich finde, lege meine Beine hoch und in wenigen Minuten wird es um mich immer leiser. Morpheus Arme umschlingen mich, ich bin in einer anderen Welt. Wie lange ich mich dort befinde, kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen. Jedenfalls werde ich durch ein metallenes Geräusch sanft geweckt. Ich schaue mich um, aber außer zwei spielenden Kindern kann ich nichts entdecken, was dieses Geräusch hätte verursachen können.

Ich will schon wieder mein Nickerchen weitermachen, da sehe ich den Grund meiner Schlafstörung: Ein schwerbehindertes kleines Mädchen, das sich nur mit zwei Metallschienen, die an den kleinen Beinchen anliegen und ihnen die entsprechenden Stütze geben, fortbewegen kann.

Ich bin beschämt und zur gleichen Zeit auch fasziniert. Unbekümmert läuft das Mädchen hin und her, immer begleitet von einem leisen, aber unüberhörbaren tipp, tipp, tipp. Sabrina kreischt vor Lebensfreude und spielt mit einem Luftallon. Ich habe wohl noch nie im Leben ein solch ausgelassenes Kind gesehen, welches sich trotz seiner schweren Behinderung so ins Spiel vertieft. Nichts, aber auch gar nichts kann die Kleine stören, die inzwischen einen ihr unbekannten Spielgefährten gefunden hat.

Tränen treten in meine Augen, als ich das Treiben
der Kinder beobachtete. Und da fallen sie mir wieder ein, die Klagen, die oft schnell und unbedacht bei jedem kleinen Wehwehchen über meine Lippen kommen. Im Angesicht eines wirklich behinderten Menschen werde ich still und höre auf die Predigt der klirrenden Beinstützen. Wann habe ich das letzte Mal meinem Schöpfer für meinen gesunden Körper gedankt? Ist das alles selbstverständlich, dass ich mich schon 63 Jahre ohne Krücken bewegen kann? Habe ich nicht eben eine schwere Krebskrankheit überwunden? Konnte ich mich 2009 zwei Monate nur mit einem Rollstuhl und an Krücken bewegen, weil die Ärzte eine autoimmune Krankheit feststellten?

Ich muss an meinen Nachbarn denken, der kürzlich vor einer schweren Operation zu mir sagte: „Ich habe eine Patientenverfügung geschrieben. Sollte ich im Rollstuhl landen, müssen die Maschinen abgestellt werden“. Schade, er kannte Sabrina nicht. Ob er sich diese tödliche Entscheidung nicht noch einmal gründlegend durchgedacht hätte????

Was sollte erst Sabrina sagen, die das ganze Leben noch vor sich hat, ein Leben, das nie so wie ein gesundes geführt werden kann????

Als ich mich in das Betrachten des Kindes vertiefe und meine müden Knochen vergesse, schreckt mich eine Stimme auf: „Sabrina, die Zeit des Spielens ist für heute vorbei“. Dann sehe ich die Mutter mit einem Rollstuhl. Fröhlich läuft das Kind zur Mutter und setzt sich ohne Murren in ihr Gefährt und wird angeschnallt. Kein Meckern, kein Murren, über allem schwebt unsichtbar das feine und bezaubernde Lächeln eines sorglosen Kindes und die Liebe einer Mutter. Dann verliere ich die Beiden im Gewühl der Kirchentagsbesucher aus den Augen.

Als ich nach dieser „Lernpause“ aufstehe und meinen Rundgang über das Messegelände fortsetze, fühle ich mich wie neugeboren, obwohl meine Knochen immer noch schmerzen. Und plötzlich nehme ich sie wahr, die vielen Schwerbehinderten, die in Rollstühlen durch die Hallen geschoben werden. Und so muss ich mir unwillkürlich die Frage stellen: „Bist Du in Wirklichkeit nicht auch behindert, behindert in Deiner Sicht, die so oft behinderte Menschen ausschließt, die Gesundheit als höchstes Gut sieht und oft gekonnt haarscharf über die Behinderten hinwegblickt, ja, sie ausblendet???


Danke, Du unbekannte Sabrina. Du hast mir mit Deinem Charme richtig die Leviten gelesen, obwohl Du kein Wort mit mir sprachst. Vielleicht hast Du den „alten Mann“ nicht einmal bemerkt, der Dir sprachlos beim Spielen zugeschaut hat. Deine wortlose Lektion in Sachen Menschenwürde und Menschenachtung traf voll und hat gesessen.


Wenn dieses „zufällige“ Treffen mein einziger positiver Eindruck auf dem Evangelischen Kirchentag gewesen wäre, die Fahrt nach Köln hätte sich schon wegen Sabrina gelohnt. „Lebendiger, Kräftiger und Schärfer“. Hunderte haben über das Motto des Kirchentages gepredigt, Du hattest das Bibelwort wortlos, aber mit voller Lust gespielt. Sie kam an, Deine Predigt. Danke, Sabrina, danke Gott.

Wie steht es so treffend im Neuen Testament: „Als aber die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder Jesus sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien und sagten: Hosanna dem Sohn Davids! wurden sie unwillig und sprachen zu ihm: Hörst du, was diese sagen? Jesus aber sprach zu ihnen: Ja, habt ihr nie gelesen: `“Aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet?“

Nachtrag: Diesen Text habe ich vier Wochen vor der Entdeckung meines Lymphdrüsenkrebes (Juni 2007)  geschrieben. Von daher hat er für mich eine besondere Bedeutung.

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