Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Der lange Abschied

Sie hatte das Sagen, sie managte die Familie, die aus zwei Söhnen und ihrem Mann bestand. Später kamen noch ihre Eltern dazu. Ohne sie lief nichts, sogar für die Tischgebete übernahm sie die Verantwortung, da ihr Ehemann Legastheniker war und über einen sehr begrenzten Sprachschatz verfügte. Widerspruch erntete sie nur selten, weil sie ihr „Regiment“ recht führte. Dass sie viele Jahre aufopferungsvoll ihre kranken Eltern pflegte, war ein weiteres Zeichen der Treue und Größe meiner Mutter.

Hätten damals in der Gemeinde Frauen predigen
dürfen, so bin ich mir absolut sicher, dass sie auch hier etwas zu sagen gehabt hätte. So blieb ihr „nur“ der Platz unter der Kanzel vorbehalten, den sie mit großer Treue ausfüllte.

Bei all den zahlreichen Verpflichtungen war Mutter nicht nur da, wenn ich sie brauchte, sie begleitete mich mit ihren unzähligen Gebeten. Doch gluckenhaftes Verhalten kannte sie nicht, ich konnte mein Leben nach meinen Wünschen und Vorstellungen leben. Sie erwartete lediglich Informationen, damit sie auch „zielgerichtet beten konnte“

So vergingen die Jahre, ich entwuchs langsam aber stetig meinen Kinderschuhen, um dann in der Welt der Jugendlichen und später unter den Erwachsenen meinen Platz zum Leben zu suchen und zu finden. Auch da stand sie als kompetenter Gesprächspartner und treue Beterin für ihre beiden Söhne jederzeit zur Verfügung.

Mutter war immer im Hintergrund, nicht mit mehr oder weniger klugen Ratschlägen, sondern stets mit einem offenen Ohr, und natürlich mit einem fürstlichen Essen, wenn ich sie im Bergischen Land besuchte. Eine wirklich starke Frau und Persönlichkeit, auch wenn sie sehr von ihrer Zeit geprägt war.

Krankheiten steckte sie mit eisernem Willen weg, der durch den Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen geprägt war. Auch als 1986 ihr Mann starb, gab sie nicht auf, sondern meisterte weiter ihr Leben, auch wenn ihre Knie trotz zwei Operationen schon lange ihren Dienst versagten.

Doch dann begann er, der langsame Abschied, der fast fünf Jahre dauerte. Ich empfand ihn stellenweise als sehr bitter: Was wusste ich denn schon von Altersdemenz? Unmerklich schlich sie sich ein. „Eben war Dagmar Berghoff hier in meiner Wohnung, wir haben uns angenehm unterhalten“. Der Anruf mit dieser Neuigkeit meiner Mutter, den ich anfänglich als Ulk abtat, veränderte meine Haltung zum Leben. Erfuhr ich doch, anders als bei dem plötzlichen Tod meines Vaters, der durch einen Schlaganfall von einer zur anderen Sekunde verstarb, wie unterschiedlich lange ein Abschied dauern kann.

Ich erlebte es anfänglich als unerträglich zu akzeptieren, dass ich unaufhaltsam immer mehr Abschied von Mutters Persönlichkeit nehmen muss. Auch sie spürte das permanente Nachlassen ihrer geistigen Kräfte, zeigte oft ihre Traurigkeit über ihren geistigen Verfall, aber nie ohne auf Jesus hinzuweisen. Wie sehr muss Mutter wohl darunter gelitten haben?

Meine Beschäftigung mit dem Krankheitsbild „Demenz“ half mir zwar sehr viel, aber die Erinnerung an Mutter als sturmerprobte Eiche kam immer wieder. Dagegen konnte ich mich nicht wehren, begegneten mir doch bei dem Auflösen ihres Haushaltes unzählige Notizen und Gegenstände, die mich an eine bessere Zeit erinnerten.

So lernte ich schweren Herzens, dass Alzheimer ein krankhafter Verlust erworbener geistiger Fähigkeiten bedeutet, was sich bei meiner Mutter in Störungen ihrer Sprache, ihres Denkvermögen und des Gedächtnisses ausdrückte. Die Folgen waren verheerend; vor allem beängstigten mich ihre zunehmende Verwirrtheit und die vollständige Zerstörung ihrer Persönlichkeit bis hin zur Pflegebedürftigkeit.

In den Büchern und Videos war alles medizinisch erklärt, aber ich konnte die Ratschläge schwer umsetzen. Ich suchte nach neuen Formen im Umgang mit meiner Mutter, die eben nicht mehr jene Leitfigur aus meiner Kindheit war.


Kamen dann bei Mutter wieder klare Momente in ihrem Denken, war sie wieder die Alte, auch wenn das Denken länger dauerte. Dann tauchte sie wieder auf, meine Hoffnung. „Es wird schon alles wieder besser“, sagte ich mir, „habe nur Geduld und warte mal ab!“

Doch in den letzten vier Jahren ihres Lebens musste ich feststellen, dass es bei einer Altersdemenz eben keine Besserung gibt, sondern höchstens einen momentanen Stillstand dieser heimtückischen Krankheit, die aus einer gebildeten und weisen Frau ein kleines hilfloses Kind macht.

Wut und Enttäuschung über das Verhalten meiner kranken Mutter wechselten mit Gleichgültigkeit ab. Auch Hochmut, gepaart mit Lieblosigkeit, stellte sich ein. Nun konnte ich auch einmal nach Herzenslust meine Mutter belehren. Alles Zeichen einer Hilflosigkeit und der irrigen Meinung, dass meine Mutter sich nur mal zusammenreißen müsste, um wieder die Alte zu werden und auch zu bleiben.

Irgendwann war es dann soweit: Sie konnte sich nicht mehr waschen und anziehen, nicht putzen und kochen, geschweige denn einkaufen. Nach einem Sturz in der Wohnung war klar, dass Mutter in ein Heim musste, in dem sie rund um die Uhr versorgt wurde. Zwar kümmerten sich meine beiden Cousinen aufopferungsvoll um Mutter, doch auch sie konnten eine Permanentbetreuung nicht gewährleisten, zumal die Hilfe des Pflegedienstes auch schon genutzt wurde.

Bei all den Fragen, die ich in der Zeit des langen Abschiedes hatte, wurde mir aber immer mehr bewusst, dass ich meine Grundeinstellung ihr gegenüber ändern musste, um vorurteilslosen Kontakt mit ihr zu pflegen. An dieser Stelle wurde mir der Glaube eine nicht zu unterschätzende Hilfe. Hier war die noch einzig funktionierende Brücke zum Mutterherz, die auch in dieser Zeit nicht unterbrochen werden konnte. Ging es um Gottes Wort, um die Gemeinde oder ihre Lieblingslieder, zeigte die über neunzigjährige Frau eine Klarheit, um die ich sie heute noch beneide. Betraten wir diese Brücke, leuchteten ihre Augen und es sprudelte nur so aus ihr heraus, was sie mit Jesus erlebt hatte. Im Nachhinein frage ich mich, wie ich diesen langen Abschied wohl durchgehalten hätte, wenn dieses innige Glaubensband nicht vorhanden gewesen wäre. Wie muss die Altersdemenz wohl empfunden werden, wenn diese „himmlische Verbindung“ zu einem Menschen, der alle Kontrollmechanismen verloren hat, nicht vorhanden ist?

In einem Telefonat wenige Tage vor ihrem Heimgang beschritt Mutter mit gebrochener Stimme mit mir das letzte Mal diese gemeinsame Brücke, als sie mir in meiner Trauer und Angst die Mahnung zusprach: „Vergiss es nicht, es wartet etwas Besseres auf uns!“ Kann ich mir etwas Schöneres denken, als eine solche Zukunft für Mutter und letztlich auch für mich?


So war es denn auch keine Trauerfeier im eigentlichen Sinn, als ich meine Mutter am 18.4.2006 mit 94 Jahren aussegnete, sondern das feste Wissen, dass am Ende eines langen, aber nie hoffnungslosen Abschieds von meiner Mutter Gottes Zusage steht: „Ob durch Leben, ob durch Tod getrennt, alles, was nach Jesus Christ sich nennt, trifft sich einst beim Herrn im Himmelsaal: Christen seh`n sich nie zum letzten Mal…“

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Responses

  1. […] ich weiß jetzt noch nicht, ob im Himmel auch Muttertag gefeiert wird. Ich bin keine Mutter, meine eigene musste ich 2006 beerdigen. Was bleibt, sind Erinnerungen an eine Frau, der ich mein Leben zu […]


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