Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Ein „ganz normaler“ Gottesdienst…

Ein „ganz normaler“ Gottesdienst

Es soll ein „ganz normaler“ Gottesdienstbesuch werden. Aber was ist denn nun ein „normaler“ Gottesdienst? Einer, in dem man seine Zeit absitzt, ihn wie ein Gewohnheitstier besucht, ist der „normal“?

Aber kann ein Gottesdienst, bei dem Gott uns dienen will, eigentlich „normal“ sein?

Gott wird Mensch in Jesus, er versorgt uns mit den Mitteln zum Leben, also nicht nur mit den Lebens „mitteln“, dann lädt er uns jeden Sonntag noch ein, damit er uns dienen will! Und ich schreibe vom Besuch eines „normalen“ Gottesdienstes???

Na ja, jedenfalls mache ich mich wie jeden Sonntag wieder auf den Weg. Die Glocken läuten, während ich auf den Parkplatz fahre. Wie ich Glockengeläut liebe. Früher war ich sauer, denn mein Elternhaus stand nur wenige Meter neben einer großen Kirche. Damals fand ich das „Gebimmele“ nervend.

Doch heute ist es anders. Ich werde innerlich still, wenn Glockenklänge am Samstagnachmittag an mein Ohr dringen und sie mich daran erinnern: „Morgen will ich Dir wieder dienen, kommst Du auch?“ Natürlich schwingt auch die Erinnerung an meine Kindheit mit, dass ich zum Glockengeläut um 17 Uhr wieder zu Hause sein musste, weil meine Mutter mich vorher in einer großen Zinkwanne, die auf zwei Stühlen in der Küche stand, abschrubben wollte.

Ich steige aus dem Auto. Da kommt mir eine Frau entgegen, vielleicht so um die 60. Will sie mit den Walkingstöcken in den Gottesdienst? Warum auch nicht? Doch sie geht vorbei, ich spreche sie nicht einmal an.

Dabei weiß ich doch genau, was ich sagen würde: „Schön, dass Sie etwas für Ihre körperliche Gesundheit tun. Ich lade Sie herzlich zum Gottesdienst ein, der wird Ihrer Seele gut tun!“ Doch wortlos gehe ich an ihr vorbei und ärgere mich schon über mich selbst. Vielleicht hätte ich nichts erreicht, aber zumindest wäre ein Zeichen gesetzt worden: Verpasste Chance.

Dann betrete ich den Gottesdienstraum, spreche ein stilles Gebet und setze mich. Da bricht plötzlich hinter einem Betonpfeiler an der Fensterfront die Sonne mit all ihrer Kraft in den Gottesdienstraum und erfasst mich in ihrer ganzen Helligkeit und Wärme. Ich atme tief durch, setze mich entspannt hin, strecke alle Viere von mir, schließe die Augen und lausche dem Orgelvorspiel. Gott meint es wie immer gut mit mir: Die Orgel spielt ausgesprochen lange, ich genieße mit geschlossenen Augen die Musik und die wärmenden Strahlen der Sonne und denke nicht daran, mich in den Schatten zu setzen. Wie schön, wenn ich Gottes Nähe nicht nur in meinem Herzen, sondern auch auf meiner Haut spüre! Ich öffne die Augen und sehe unendlich viele kleine Staubfitzelchen, die durch die Luft schwirren. Sie sehen aus wie kleine Diamanten, die durch die Sonnenstrahlen erst sichtbar werden. Auch feine Spinngewebe entdecke ich, alles um mich herum ist in Bewegung. Warum ist mir das in der Vergangenheit nur verborgen geblieben? Na ja, weil ich mich bisher wohl immer in den Schatten gesetzt habe.

In diesem hellen Licht meines mir dienenden Gottes bekommt die Liturgie eine besondere Bedeutung. Ich singe sie, wie immer, laut mit und ernte wieder mal fast vorwurfsvolle Blicke der Menschen um mich herum. Sie stören mich nicht im Geringsten, weil ich weiß, dass lautes Singen in landeskirchlichen Gottesdiensten nicht üblich ist. Außerdem bin ich ein Mann….


Die Predigt setzt sich mit dem Leid der Menschen auseinander. Am 19. Sonntag nach Trinitatis hält sich der Prediger an den vorgeschriebenen Text: „Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist“. (Jak.5, 13-16)

Ich lerne wieder neu, dass Krankheit und Schwachheit zum Leben dazugehören, dass aber in diesen Zeiten Gott dem Menschen besonders nahe sein will.


Ich erfahre, dass drei Gemeindeglieder im Alter von 73-76 Jahren in der letzten Woche verstorben sind und begraben wurden. Früher habe ich bei solchen Abkündigungen immer leise gegähnt, heute fange ich an zu rechnen. Wie viel Zeit trennt mich noch? Ich merke, dass der Zeitpuffer kleiner wird zwischen mir und den Verstorbenen. Zum Abschluss der traurigen Abkündigung dann die beiden letzten Verse des
Liedes „O Haupt voll Blut und Wunden.“

Erscheine mir zum Schilde,
Zum Trost in meinem Tod,
Und lass mich sehn dein Bilde
In deiner Kreuzesnot!
Da will ich nach dir blicken,
Da will ich glaubensvoll
Dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.

Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir;
Wenn ich den Tod soll leiden,
So tritt du dann herfür;
Wenn mir am allerbängsten
Wird um das Herze sein,
So reiß mich aus den Ängsten
Kraft deiner Angst und Pein!

Welch ein Trost für einen Menschen, der auch schon mehrmals an der Türe zum Tode stand, zu dem aber Gott gesagt hat: „Ich brauche Dich noch auf der Erde“. Dann zum Abschluss der Höhepunkt eines jeden Gottesdienstes: Gott spricht meinem eben noch frierenden und ängstlichen Herzen durch den Segen seine Liebe, Gnade, Schutz und Kraft zu:

Der HERR,
Vater, Ursprung und Vollender aller Dinge,
SEGNE DICH,
gebe dir Gedeihen und Wachstum, Gelingen deiner Hoffnungen, Frucht deiner Mühe
UND BEHÜTE DICH
vor allem Argen, sei dir Schutz in Gefahr und Zuflucht in der Angst.
Der HERR lasse sein ANGESICHT leuchten über dir
wie die Sonne über der Erde Wärme gibt dem Erstarrten und Freude gibt dem Lebendigen.

Der Herr SEI DIR GNÄDIG,
wenn du verschlossen bist in Schuld,
er erlöse dich vor allem Bösen.
DER HERR ERHEBE SEIN ANGESICHT AUF DICH,
er sehe dein Leid und höre deine Stimme.
Er heile und tröste dich.
UND GEBE DIR FRIEDEN,
das Wohl des Leibes und das Wohl des Geistes,Liebe und Glück. Amen

Innerlich und äußerlich gewärmt verlasse ich den Raum, in dem sich Himmel und Erde auf  Tuchfühlung nahe gekommen sind. Ich gehe gewärmt, an Leib und Seele gestärkt in meinen Alltag zurück und weiß wieder einmal genau: „Ein Mensch mit Gott ist immer die Mehrheit“. Es zahlt sich aus, wenn man am Sonntagmorgen den Kampf mit dem Kopfkissen gewinnt, denn der Gottesdienst ist für mich die wichtigste Veranstaltung in der Welt. Ich habe einen „normalen“ Gottesdienst erwartet, doch es wurde eine erneute Liebeserklärung meines Gottes, dem ich bedingungslos trauen kann. Und dann gibt es immer noch Zeitgenossen, die meinen, ohne regelmäßigen Gottesdienstbesuch auszukommen. Das soll mal einer verstehen. Ich jedenfalls nicht.

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