Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Erinnerungen an Mutter (II)

Kommen wir nun zum Lebenslauf der Verstorbenen:

Margarete Hebbinghaus wurde am 2. 4. 1912 als Tochter von Friedrich und Adele Krauskopf in Lennep geboren. Sie war keine dumme Schülerin, kein Wunder, dass sie in Remscheid das Lizeum besuchte. Dann arbeitete sie bei Busatis als Sekretärin und später bei der Tuchfirma Wülfing & Sohn in Dalerau.


1940 lernte Mutter ihren Otto kennen. Mitten in einer dunklen Zeit, am 15. April 1941, gab sie ihm das Ja-Wort. Am 25.2. 1944 wurde Rainer und ich am 25. April 1948 geboren. Als sie Rainers Leben spürte, hörte Mutter auf zu arbeiten, um sich ihrer Familie zu widmen.



Der Glaube an den Gekreuzigten und Auferstandenen war das tragende Fundament in Mutters Leben. Dieses war kein Lippenbekenntnis. Sie lebte ihren Glauben. Von daher war es selbstverständlich, dass sie zuerst die Gottesdienste in der Kirche besuchte, um sich dann später der Freien Evangelischen Gemeinde am Bismarkplatz anzuschließen. Als dann Otto in ihr Leben trat, und für sie zur Ehe auch eine Altargemeinschaft gehörte, wechselte sie zur Brüdergemeinde, die sich damals in der Wallstraße traf. Rainer und ich wurden dann auch in diese im wahrsten Sinn des Wortes hineingeboren, hingeschoben und hineingetragen, an manchen Sonntagen auch hineingeschubst. Die alten Geschwister können sich noch gut daran erinnern, dass damals Sonntag Morgen Brotbrechen und am Nachmittag Wortverkündigung stattfand. Um 11 Uhr ging es dann in die Sonntagsschule zu Onkel Simon. So waren die Sonntage immer ausgebucht. Nach dem Motto: „Ein Sonntag ohne Gottesdienst, ist ein verlorener Sonntag!“, kann ich mich kaum an einen Sonntag ohne Versammlungsbesuch, ohne Sonntagsschulbesuch erinnern.

Mutters kräftige Stimme, wenn sie mit Liedern in der Gemeinde Gott lobte, war unüberhörbar. Als Christa ihr noch am Wochenende geistliche Lieder vorgesungen hatte, versuchte Mutter noch mitzusingen, was ihr aber schon nicht mehr gelang.

Mutter führte im Haus das Regiment. Sie konnte mit einem spitzen Stift umgehen und schaffte es, unter fleißiger Mitwirkung von Otto, dass wir zwar nicht zu großen Reichtümern kamen, aber doch nie an irgendeiner Stelle einen finanziellen Engpass verspürten. Von den Eltern haben wir nicht nur den Umgang mit den uns anvertrauten Pfunden gelernt, sondern auch noch etwas viel Wichtigeres, nämlich das Wissen, dass aller Wohlstand nichts nützt, wenn die Seele Schaden nimmt.

Mutter hatte, so lange ich mich erinnern kann, immer Probleme mit den Knien. Irgendwann, so berichtete sie mir mal, war sie auf dem Bahnhof beim Besteigen eines Zuges gestolpert und auf die Knie gefallen. Unfall oder allgemeiner Verschleiß? Wir wissen es nicht. Trotz dieser Behinderung, die im Alter immer schlimmer wurde, versah Mutter ihre Arbeit im Haus, zog uns Kinder groß und sorgte im Wechsel mit ihrer Schwester, Tante Dele, für Sauberkeit in der Rasierstube ihres Vaters. Mutter pflegte die Oma Adele und den Opa Friedrich aufopferungsvoll, ohne auch nur einmal zu klagen, lebte sie doch mit ihren Eltern in einem Haus zusammen.



Am 2. April 1986 verstarb plötzlich und unerwartet unser Vater Otto bei der Abendtoilette. Vorher hatten wir noch Mutters Geburtstag gefeiert. Für sie begann nun ein neuer Lebensabschnitt. Anfängliche Pläne, das Haus zu verkaufen, verwarf sie in ihrer manchmal etwas burschikosen Art. Der Hintergrund für diese Entscheidung war sicherlich die Tatsache, dass sie sich nicht vorstellen konnte, jemals das Elternhaus zu verlassen.

Ausgerüstet mit einer kräftigen Gesundheit steckte sie in den achtziger und neunziger Jahren vier Operationen an ihren beiden Knien, sowie auch noch eine Brustamputation weg, als wäre es nichts. Doch in dieser Zeit merkte man schon, dass ihr Älterwerden Tribut forderte. Es ging ihr nicht mehr alles so leicht von der Hand. Eine nicht hoch genug einzuschätzende Betreuung durch meine beiden Cousinen Conny und Christa, welche Mutter, besonders nach dem so schnellen Tod von Onkel Ernst und Tante Erna ganz tief ins Herz eingeschlossen hatten, brachte so manche große Erleichterung für unsere Mutter am Schellenberg zwei. Auch dafür will ich mich hier bedanken.


Doch auch da lief die Zeit ab. Nach einem Sturz und der Feststellung, dass Mutters Gehirn nicht mehr so arbeiten konnte wie früher, musste Mutter am 27. September 2001 schweren Herzens, vom Remscheider Krankenhaus entlassen, den geliebten Schellenberg verlassen. Ihre letzte Bleibe war das Johannesstift. Es hat, und wer könnte das Mutter übel nehmen, lange Zeit gedauert, bis sie ihren ersten Umzug, der auch gleichzeitig ihr letzter sein sollte, verkraftet hatte.

Auch hier muss ich voller Dankbarkeit Christa erwähnen, die Mutter regelmäßig besuchte und sich auch nicht abschrecken ließ, wenn sie mal „nicht so gut drauf war“. Ein alter Mensch ist gesegnet, der solche Nichten wie Christa und Conny hat.

Bei mir in der Lüneburger Heide, die ja nicht gerade ein Erweckungsgebiet ist, sagt man „Un wenne dod bis, wirse innekult und dann is alles vorbie.“ Auf Hochdeutsch: „Und wenn Du tot bist, wirst Du eingekuhlt und dann ist alles vorbei“. Mutter setzte noch am 6. April, als ich mit ihr telefonierte, mit gebrochener Stimme dieser hoffnungslosen Grundstimmung entgegen: „Vergiss es nicht, es wartet etwas Besseres auf uns!“ Kann ich mir etwas Schöneres denken, als eine solche Zukunft für Mutter? Als wenn Jesus sie dafür belohnt hätte, schlief sie dann auch am Montag gegen 17.15 Uhr, auf den Tag genau 79 Jahre nach ihrer Konfirmation, friedlich ein.




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