Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Erinnerungen an Mutter (III)


Meine Mutter wurde am 10. April 1927 in der Lenneper Stadtkirche von Pastor Spengler konfirmiert. Der Konfirmationsspruch stand auch über der Todesanzeige. Im Matthäusevangelium Kapitel 16, Vers 26 sagt Jesus: „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“


Als ich Silvester 2002 beim Ausräumen des Elternhauses, Am Schellenberg 2, die Küche auflöste, fiel mir dieses Messer in die Hand. Es war Mutters Lieblingsmesser. In der Küche hatte es immer einen festen Stammplatz. Wie viele Jahre hatte Mutter wohl damit gearbeitet? Wie viele Wagenladungen Kartoffeln mag sie wohl damit geschält und wie viel Tonnen Obst und Gemüse geputzt haben? Ich weiß es nicht. Im Laufe der Jahrzehnte hatte sich die Klinge stark verdünnt, aber nicht an Schärfe eingebüßt. Das habe ich kürzlich wieder beim Kartoffelschälen gemerkt.

Auch dieses Messer, wie fast alle anderen Dinge, mit denen sich die Verstorbene umgab, die sich im Laufe von fast 90 Jahren angesammelt hatten, und das war bestimmt nicht wenig, musste Mutter beim Umzug ins Hückeswagener Altenheim zurücklassen. Mutter war ja auch Kind ihrer Zeit, wo es besonders bei Vater hieß: „Jung, dat schmizte nich wech, das könnwer irgendwann noch emol jebruken“. Selbst wenn sie das Messer mitgenommen hätte, wäre es nie mehr zum Einsatz gekommen, denn ihre stark von Gicht gezeichneten Hände konnten und brauchten auch nicht mehr damit zu arbeiten.

Mutters Lieblingsmesser erinnert mich wieder einmal daran, dass auch ich eines Tages alles, was ich habe, zurücklassen muss. Nichts, aber auch wirklich gar nichts kann ich mitnehmen, wenn ich mich von dieser Welt verabschieden muss. Lange Zeit wollte ich das nicht wahrhaben, weil mir das Leben noch so unendlich lang schien. Doch wenn man einmal den Zenit seines Lebens überschritten hat, die Zeitung von hinten liest, beginnt ein schleichender Umdenkungsprozess, denn der Zeitpuffer zwischen sich und den Verstorbenen wird immer kleiner. Jetzt sind die Eltern nicht mehr da, dann kommen meistens die Kinder „an die Reihe“. Bei Vaters Beerdigung wurden noch 180 Trauerbriefe verschickt, bei Mutter waren es nur noch knapp 40. Dazwischen liegen fast auf den Tag genau nur 20 Jahre. So langsam verschieben sich die Werte, Wichtiges wird unwichtig, bis dahin unwichtige Dinge rücken auf einmal in den Vordergrund. Schlimm, wenn es nicht so ist, wenn es heißt: Je oller, je doller?.
„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

Mutters Lieblingsmesser predigt uns: „Du bist nur auf der Durchreise, auch dir ist alles nur geliehen. Mit leeren Händen bist du geboren und mit leeren Händen musst Du auch diese Welt wieder verlassen.“

Leere Hände? Stopp, das stimmt doch nicht ganz. War sie denn nicht schon am ersten Atemzug meines Lebens da, noch bevor ich das Licht der Welt erblickte, die Gnade Gottes? Hat der Schöpfer sich nicht schon für meine Nieren interessiert, als ich noch ein Embryo war? War ich für Gott nicht schon ein Lieblingsgedanke, als Vater noch nicht einmal wusste, dass seine Grete mit Rainer oder mir schwanger war?



Und bei Euch, liebe Trauergemeinde, ist es doch genau so. Wir können es doch in Psalm 139 nachlesen. „Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.“ Das ist Gnade Gottes pur.

Mit leeren Händen geboren? Nein, wir hatten schon volle Hände bei der Geburt. War es nicht die Gnade Gottes, mit der er uns durch alle Höhen und Tiefen begleitet hat? War es nicht die Gnade Gottes, die unsere Mutter ein Leben von 94 Jahren geschenkt hat? War es nicht Gnade, dass sie zwei Weltkriege überlebte? War es keine Gnade, dass sie zwei gesunden Söhnen das Leben schenkte und sie im christlichen Glauben erzog? Sie hatte das Beste für Rainer und mich gegeben, die Mutterliebe und die Liebe zu ihrem Heiland.



Und genau diese Gnade ist jetzt da, nicht einmal der Tod kann uns trennen von der Liebe Gottes. Sie zeigt sich in vielerlei Gestalt, nicht zuletzt auch in einem Trost, der nicht machbar ist, der von oben kommt.

Das deutlichste Gnadenzeichen haben wir doch am Karfreitag erlebt mit dem Höllenschrei Jesu: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und dann 24 Stunden später: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.“ Wenn das mal keine Gnade ist und eine großartige Zukunft für uns Menschen eröffnet.

Diese Zukunft hat Mutter jetzt schon angetreten. Nein, sie hat sie nicht verdient. Es gab auch Zeiten, da war sie ungenießbar, warum auch immer, genau wie wir auch, weil wir eben Menschen sind, Menschen, mit Fehlern und Macken. Aber selbst wenn Mutter ein Übermensch gewesen wäre ohne Fehl und Tadel, hätte sie trotzdem diese Zukunft nicht verdienen können. Jesus selbst hat ihr immer wieder ihre Schuld vergeben und ihr am Ende die Ewigkeit geschenkt, ohne dass sie auch nur einen Deut hätte dazutun können. Wenn das keine Gnade ist.


Dieses Wissen hat Mutter durch das Leben begleitet. Das wurde nicht nur an den vielen Spruchkarten, die in ihrer Wohnung am Schellenberg und auch zuletzt im Altenheim die Wände schmückten, deutlich. Mutter hat sich daran festgehalten, sie hatte den richtigen Reiseproviant auf ihrer 94jährigen Lebensreise eingepackt. Davon hat sie sich ernährt, in guten sowie in schlechten Tagen, bis zum letzten Atemzug.

Und diese Gnade Gottes ist es auch, die sie nun da ankommen lässt, wo der Mensch eigentlich hingehört: In die Nähe Jesu. Nun ist sie da angekommen. Und was sie da unter anderem macht, sagte sie noch wenige Tage vor ihrem Heimgang zu Lisa, einer Frau vom Pflegepersonal, die Mutter immer mit Essen versorgte: „Bald treffe ich ihre Eltern. Dann werde ich ihnen sagen, was sie doch für eine nette und liebe Tochter haben.“ Mutter hat mehr, hat viel mehr gesehen als alle, die in den letzten Tagen um ihr Bett standen. Nicht umsonst sprach sie mehrfach von einem hellen Licht, was sie sehen konnte.


„Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“

Will uns das Leben nicht immer wieder eine andere Wahrheit eintrichtern? „Haste was, biste was“. „Mein, Haus, mein Auto, mein Pferd?“ Der Konfirmationsspruch meiner Mutter will uns eines Besseren belehren: Was nützt der Wohlstand, wenn die Seele dabei verkümmert? Verlasse Dich nur auf den Reiseproviant, den Jesus Dir anbietet und wenn die anderen noch so schreien sollten. Seine Gnade erschafft, trägt und hält und wird uns, so wir sie denn zulassen, alle dahin bringen, wo Mutter jetzt ist.

Gottes Gnade steht allen Menschen zur Verfügung. Wie steht es im Johannesevangelium? „Und von seiner Fülle haben wir alle genommen, Gnade um Gnade“.


Nein, eine solche Grundhaltung ist nicht unverschämt. Hier brauche ich nicht zu sparen und zu knausern, hier kann, darf und soll ich zugreifen, täglich, immer wieder neu, die Gnade Gottes, die mir besonders in der Osterzeit wieder groß und deutlich werden will, heißt es doch so schön in einem Morgenlied: „All Morgen ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu. Sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag“.



Warum ist die Gnade Gottes jeden Tag immer wieder neu? Weil wir sie gestern wieder einmal aufgebraucht haben.

Die Gnade Gottes, die durch den Auferstandenen menschliche Züge bekommen hat, will nun mit uns gehen. Mit zum Grab, weiter durch den Tag, durch das Jahr, durch das Leben. Laden wir sie ein, immer wieder neu, so wie es Mutter in aller Begrenztheit und Schwachheit nicht nur beim Tischgebet gemacht hat!


Setzen wir „meinem Haus, meinem Pferd und meinem Auto“ doch täglich die Gnade Gottes entgegen. Diese verbietet uns den Wohlstand nicht, aber sie sorgt stets dafür, dass unsere Seele nicht auf der Stecke bleibt und Schaden nimmt.

Gottes Gnade gibt es zum Nulltarif. Billiger geht es nun wirklich nicht, obwohl wir, und das darf ich nicht verschweigen, daraus keine billige Gnade machen dürfen, weil sie Jesus das Leben gekostet hatte.

Lasst uns von Mutter lernen, dass es sich lohnt auf diese Gnade zu vertrauen. Auf Mutters Uhr, die am Schellenberg und auch in ihrer letzten Bleibe in Hückeswagen hing, war zu lesen: „Zeit ist Gnade.“ Wie viel Gnade dürfen wir noch gebrauchen? Sehr viel, alle Gnade, die Gott für uns bereithält. Wie viel Lebenszeit haben wir dafür noch? Ich weiß es nicht.


“ Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Amen

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