Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Gib mir Musik!


In der zugigen Markthalle, die auf meinem Schulweg lag,
war ein kleiner Plattenladen. Bei dem lief den ganzen Tag
ein Zehn-Schellackplatten-Wechsler. Und da
bei war auch ein Lied,
so ein Lied, wo es dich packt, dass du nicht weißt, wie dir geschieht.
Und da stand ich starr und hörte, und mir blieb gar keine Wahl:
Ich musst‘ es wieder hör’n und wieder und nochmal und noch einmal.
Aber dafür hieß es warten: Zehn Lieder hin und zehn zurück,
Jedesmal ’ne knappe Stunde für knap
p drei Minuten Glück.
Das gab Ärger in der Schule, doch ich hab‘ mich nicht beschwert,
Die Musik war all die Nerverei und alle Schläge wert!


Gib mir Musik! Alles Gemeine ist verklungen,
all‘ die Hänselei’n, die Misserfolge, die Demütigungen.
Die bitt’re Niederlage ist in Wirklichkeit ein Sieg.
Gib mir Musik!


In der ersten Frühmaschine zwischen Frankfurt und Berlin,
eingekeilt zwischen zwei Business-Men, das Frühstück auf den Knie’n,
den Walkman auf den Ohren, die Musik ist klar und laut,
Und ich wag‘ es kaum zu atmen, und ich spür‘ die Gänsehaut.
Wie ein mächt’ger Strom von Wärme mich mit der Musik durchfließt.
Wie mir plötzlich unwillkürlich Wasser in die Augen schießt.
Und ich weiß, ich hab‘ natürlich kein Taschentuch im Jackett.
Und ich wein‘ einfach drauflos und auf mein Frühstückstablett.
Links und rechts die Nadelstreifen und ich heulend mittendrin.
Ob die Guten sich wohl vorstellen können, wie glücklich ich bin?


Gib mir Musik! Die Träume, die längst aufgegeben,
verschüttet in mir verdorr’n, beginnen wieder aufzuleben.
Und ich weiss, dass ich jede verlor’ne Chance noch einmal krieg‘.
Gib mir Musik!


Ein Stück Musik von Hand gemacht

Zur Blütezeit der Fast-Food-Zivilisation,
Der Einheitsmeinung, der Geschmacksautomation,
Der Plastikgefühle und der High-Tech-Lust,
Der Wegwerfbeziehung mit dem Einweg-Frust,
Zur Zeit der Fertigträume aus der Traumfabrik,
Der Micky-Maus-Kultur und der Steckdosenmusik.


Wenn der große, wilde Rock‘n Roller rockt und rollt,
Mit der Wahnsinnslasershow über die Bühne tollt,
Wenn die Lautsprecher dröhnen und das Hallendach schwingt,
Dass mir der Bruch raustritt und die Brille springt,
Dann denk‘ ich d‘ran, dass, wenn jetzt jemand an der Sich‘rung dreht,
Der Rockstar mucksmäuschenstill, lammfromm und im Dustern steht.


Wenn ich den Selbstentwerter im Omnibus
Nicht bedienen kann und wieder schwarzfahr‘n muss,
Wenn die Wasserwerke mir den Hahn zudreh‘n,
Weil ich‘s nicht lerne, die Computerrechnung zu versteh‘n,
Wenn ich einseh‘n muss, ich krieg‘ den HiFi-Turm nicht an,
Weil ich die Einschaltautomatik nun mal nicht einschalten kann.


Bis zum Tag, an dem man mich wegrationalisiert,
Oder als nicht programmierbar einfach aussortiert,
Wenn der große Rechner kommt und alles überwacht,
Meine Vorlieben und Macken voll erfassbar macht,
Auch wenn ich schon ganz und gar maschinenlesbar bin
Mit ‘nem Balkencode am Schniedel und ‘ner Prüfziffer am Kinn.


Da lob‘ ich mir ein Stück Musik von Hand gemacht,
Noch von einem richt‘gen Menschen mit dem Kopf erdacht,
‘ne Gitarre, die nur so wie ‘ne Gitarre klingt,
Und ‘ne Stimme, die sich anhört, als ob da jemand singt.
Halt ein Stück Musik aus Fleisch und Blut,
Meinetwegen auch mal mit ‘nem kleinen Fehler, das tut gut,
Das geht los und funktioniert immer und überall,
Auch am Ende der Welt, bei Nacht und Stromausfall!


Ein Lied

Betrübt, lässt es uns glücklich sein,
Doch glücklich, kann es uns zu Tränen rühren,
Und es lässt uns in unsrem Hochmut spüren,
Wie ohnmächtig wir sind und klein!
Wo Worte hilflos untergeh‘n,
Vermag ein Lied allein ein Kind zu trösten
All seine dunk‘len Ängste und den größten
Kummer gleich fortzuweh‘n.
Denn alles, was sich in uns regt,
Jedes Gefühl, das uns bewegt,
Jede Hoffnung, die uns erfüllt,
Hat ein getreues Spiegelbild
Im Fluss der Töne, der stets wechselnd weiterzieht.
Welch ein Geschenk ist ein Lied!


Schon wenn der erste Ton erklingt,
Beginnt der Raum zu atmen und zu leben,
Ist es wie ein Erschauern, wie ein Schweben,
Als ob ein Zauber uns bezwingt.
Und eine Melodie befreit
Uns aus dem Irrgarten unsrer Gedanken
Und öffnet alle Schleusen, alle Schranken
Unserer Seele weit.
Und löst uns los von Raum und Zeit,
Und aus der engen Dunkelheit,
Tragen die Töne ein Gedicht
Auf bunten Flügeln in das Licht,
Ein Schwarm von Schmetterlingen, der zur Sonne flieht!
Welch ein Geschenk ist ein Lied!


Kling Klang Kloing
Zing und Boing
Dudel Dudel
Klampfen-Streich,
die Musik, die endet gleich!
War mal wieder ein schönes Konzert!
Hier hinzugehen war nicht verkehrt.
Kling Klang Kloing
Zing und Boing
rums und knall!
Mein Auto hatte
einen Autounfall.


Hörte sich an wie ein schönes Konzert!
Doch jetzt ist mein Auto – nichts mehr wert.

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