Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Hände (I)

Je älter ich werde, umso öfter schaue ich in Mußestunden meine Hände an. Ich habe erkannt, dass Hände, auch die eigenen, viel, sehr viel erzählen können, wenn man sich nur mit ihnen beschäftigt. Auch bin ich der Meinung, dass die meisten Menschen nicht wissen, was sie mit ihren Händen schon alles vollbracht haben und noch damit machen können.


Hände

Meine Hände: Sie haben sich schon früh gefaltet, nicht oft zur Faust geballt, nie geschlagen, aber leider zu oft gedroht. Sie haben sich und meinen Körper gewaschen, aufgebaut, zerstört, Wege gewiesen und verbaut, zu viel gekratzt und zu wenig gestreichelt. Mit Ihnen habe ich gegriffen und losgelassen, ein- und ausgeschaltet, zerstört und repariert. Ich liebe meine Hände, kann ich sie doch bis zum heutigen Tag einsetzen, ohne Einschränkungen.


Man begegnet sich, bleibt stehen, wünscht sich einen „guten Tag“ und meint es hoffentlich ernst damit. Man gibt sich die Hand. Das Handgeben ist eine Sitte aus Afrika. Meinem Gegenüber zeige ich: Ich habe keine Waffe in der Hand, ich habe nichts gegen dich. Und heute? Wenn eine Grippewelle herrscht vermeiden wir sogar das Händegeben. Das Händereichen hat nur noch wenig Bedeutung für uns.

Jesus hat uns seine Hände gereicht. Er kannte keine Distanz. Er ging auf die Menschen zu, hautnah. Er berührte sie und wurde für sie durchschaubar.

Und wir? Wie oft rutscht uns einfach so die Hand aus? Wie häufig unternehmen wir einen Handstreich gegen einen Mitmenschen? Ohne dass wir es merken, ballt sich die Hand zu einer Faust. Die Ver“hand“lungen sind ernst und scheinen unlösbar. Wer sich auf einen Menschen einlassen will, muss diesem ganz nah sein, ohne, dass etwas dazwischen steht. Denn wer sich auf Distanz mit einem Menschen befasst, kann nur mit dem Finger auf ihn zeigen. Dann zeigen aber drei Finger auf einen selbst.


Wir sollten uns wieder die Hände reichen. So eine Handlung tut uns gut, denn Gott streckt uns seine Hände entgegen. Wir brauchen sie nur zu nehmen. Dann sind wir geborgen. Dann können unsere Hände Tat-Werkzeuge werden, die Zärtlichkeit geben, Nähe zeigen und trösten. Dann werden unsere Hände zu Gottes Händen. Und manchmal, wenn wir selbst nicht mehr ein noch aus wissen, nehmen wir unsere Hände und legen sie ineinander. Wir kreuzen die Finger. Unsere Tat-Werkzeuge ruhen. Wir halten inne und erinnern uns, dass wir in Gottes Händen geborgen sind. Das gibt uns Kraft zu neuem Handeln.



Mutters Hände


Hast uns manches Mal

bei jroßen Schkandal
auch’n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechs sind noch am Leben …

Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wa nu hier,
und denn komm wir bei dir

und streicheln deine Hände.

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt un jenäht

un jemacht un jedreht …
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns Bonbongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen –

hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält …
alles mit deine Hände.


Julie von Hausmann hat das Lied „So nimm denn meine Hände“  1862 im Alter von 36 Jahren veröffentlicht und versucht, einen harten Schicksalsschlag zu verarbeiten. Nun weiß man nicht viel über diesen Verlust, keine Jahreszahl und keinen Namen. Was man jedoch weiß, ist dies, dass Julie von Hausmann, dieses junge, wohlbehütete und religiöse Mädchen aus dem baltischen Grossbürgertum, mit einem Pfarrer verlobt war. Nun hatte sich – auch das ist bekannt – die Zeit der Verlobung schon länger hingezogen, und das Paar trug sich mit dem Gedanken zu heiraten. Doch der junge Geistliche wollte unbedingt als Missionar nach Afrika, und so galt es erst einmal abzuklären, unter welchen Voraussetzungen Julie ihn begleiten konnte. Nicht gerade wenige Schwierigkeiten standen da den beiden nämlich im Weg: Die Aufenthaltsgenehmigung für beide, das Visum für die Länder Afrikas, die durchreist werden mussten bis zur Missionsstation, das ungewisse Leben in diesem fremden Land. Nach einiger Zeit beschlossen die beiden, dass der Verlobte erst einmal vorausfahren sollte, um alles weitere zu klären und das Heim für sich und Julie vorzubereiten. Gesagt, getan: Und so gingen mehrere Monate ins Land, bis schließlich auch Julie endlich die Koffer packen und sich mit Sack und Pack gen Afrika aufmachen konnte. Das Abenteuer konnte beginnen.

Julie von Hausmann wusste wohl, dass es ein Abenteuer war und trotzdem – sie ahnen es – war sie nicht gefasst auf das, was sie erlebte, als sie die Missionsstation nach langer und strapaziöser Reise endlich erreichte: Statt ihres Verlobten erwartete sie der Leiter der Missionsstation und musste ihr die traurige Nachricht überbringen, dass ihr Bräutigam wenige Tage zuvor an einer gefährlichen Infektion gestorben war. Vom Lebenstraum zu zweit in Afrika, von gemeinsamer Arbeit und gemeinsamem Glauben war nur ein schlichtes Grab geblieben. So kehrte Julie schließlich nach Europa zurück, wo sie ihr Leben völlig neu ordnen musste.


So nimm denn meine Hände
Und führe mich
Bis an mein selig Ende
Und ewiglich!
Ich mag allein nicht gehen,
Nicht einen Schritt;
Wo du wirst geh’n und stehen,
Da nimm mich mit.

In dein Erbarmen hülle
Mein schwaches Herz
Und mach es gänzlich stille
In Freud und Schmerz.
Laß ruhn zu deinen Füßen
Dein armes Kind;
Es will die Augen schließen
Und glauben blind.

Wenn ich auch gleich nicht fühle
Von deiner Macht,
Du bringst mich doch zum Ziele,
Auch durch die Nacht.
So nimm denn meine Hände
Und führe mich
Bis an mein selig Ende
Und ewiglich!

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Responses

  1. So nimm denn meine Hände …..
    das hab ich bei der Beerdigung meines Vaters vorgetragen, bevor wir ihn zu Grabe trugen. Der Pfarrer hatte über die Hände meines Vaters, der ganz plötzlich verstorben war, gepredigt in seiner Trauerrede.
    DANKE


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