Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Hohe Tiere

Du bist ein Riese, Max

Kinder werden als Riesen geboren,
Doch mit jedem Tag, der dann erwacht,
Geht ein Stück von ihrer Kraft verloren,
Tun wir etwas, das sie kleiner macht.
Kinder versetzen so lange Berge,
Bis der Teufelskreis beginnt,
Bis sie wie wir erwachs‘ne Zwerge
Endlich so klein wie wir Großen sind!


Freiheit ist für dich durch nichts ersetzbar,
Widerspruch ist dein kostbarstes Gut.
Liebe macht dich unverletzbar
Wie ein Bad in Drachenblut.
Doch pass auf, die Freigeistfresser lauern
Eifersüchtig im Vorurteilsmief,
Ziehen Gräben und erdenken Mauern
Und Schubladen, wie Verliese so tief.

Keine Übermacht könnte dich beugen,
Keinen Zwang wüßt‘ ich, der dich einzäunt.
Besiegen kann dich keiner, nur überzeugen.
Max, ich wäre gern dein Freund,
Wenn du morgen auf deinen Reisen
Siehst, wo die blaue Blume wächst,
Und vielleicht den Stein der Weisen
Und das versunkene Atlantis entdeckst!


Du bist ein Riese, Max! Sollst immer einer sein!
Großes Herz und großer Mut
und nur zur Tarnung nach außen klein.
Du bist ein Riese, Max! Mit deiner Fantasie,
Auf deinen Flügeln aus Gedanken kriegen sie dich nie!


Menschenjunges

Da liegst Du nun also endlich fertig in der Wiege.
Du bist noch ganz frisch und neu, und ich schleiche verstohl‘n
Zu Dir, und mit großer Selbstbeherrschung nur besiege
Ich die Neugierde, Dich da mal rauszuhol‘n,
Um Dich überhaupt erstmal genauer anzusehen.
So begnüg‘ ich mich damit, an Deinem ersten Tag
Etwas verlegen vor Deiner Wiege rumzustehen
Und mir vorzustellen, was Dein Leben bringen mag.
Mögest Du all‘ das erfahren und all‘ das erleben,
Was erlebenswert und was im Leben wichtig ist.
Mög‘ es noch Wiesen und Bäume und Maikäfer geben,
Wenn Du im Maikäfersammelalter bist.
Mögen auch allezeit Nägel, Murmeln, Strippe, Litze,
Kleister, Brausepulver, Buntstifte und Feuerstein,
Schraubenzieher, Isolierband, Knete und Lakritze
Reichlich in deinen Hosentaschen vorrätig sein!


Und eines Tags kommt der Tag, da sitze ich beklommen
Ratlos vor den Schularbeiten, die man Dir aufgab.
Werde Deine Rechenaufgaben nicht rausbekommen;
Für den Aufsatz, den ich Dir geschrieben hab‘,
Wirst Du, wenn Du sehr viel Glück hast, keinen Arrest kriegen,
Aber als Entschädigung dafür werd‘ ich mit Dir
Drachen bauen, Bilder mal‘n und Doppeldecker fliegen
Und zeig‘ Dir den Umgang mit Lötlampe und Klavier.



Ein paar Jahre später dann nach manch‘ blutigen Nasen,
Nach unzähligen Pflastern über aufgeschlag‘nen Knien,
Nach zerbroch‘nen Fensterscheiben, zertöpperten Vasen,
Fehlgeschlagenen Erziehungstheorien.
Nach erkannter Unwirksamkeit strenger Zeigefinger
Machen wir beide nämlich gemeinsam jeden Stuss,
Jeden groben Unfug, und dann dreh‘n wir all‘ die Dinger,
Die ich Dir bis dahin jedoch streng verbieten muss.


Möge Dir, von dem, was Du dir vornimmst, viel gelingen!
Sei zufrieden, wenn‘s gelingt, und ohne Übermut,
Versuch‘ Deine Welt ein kleines Stück voranzubringen,
Sei, so gut es geht, zu Deinen Menschenbrüdern gut!
Tja, dann wünsch‘ ich Dir, dass ich ein guter Vater werde,
Dass Du Freunde findest, die Dich lieben, und dass Du
Spaß hast an dem großen Abenteuer auf der Erde!
„Hals- und Beinbruch“, da kommt was auf Dich zu.


Menschenjunges, dies ist Dein Planet,
Hier ist Dein Bestimmungsort, kleines Paket.
Freundliches Bündel, willkommen herein,
Möge das Leben hier gut zu Dir sein.


Die Geschichte von Herr Tur Tur

Jim Knopf aus Lummerland macht sich auf eine abenteuerliche Reise. Er landet dabei auch in der Wüste zusammen mit Lukas, dem Lokomotivführer und Emma, der Lokomotive.

Eines Abends taucht am Horizont eine erschreckende Gestalt auf. Ein Riese nähert sich. Er winkt und grüßt. Lukas geht mutig weiter – mit einem ängstlichen Jim Knopf im Schlepptau.


Der Riese freut sich … Und: Je näher sie ihm kommen, desto kleiner wird er! Schließlich stehen sie einem freundlichen, älteren Herrn Auge in Auge gegenüber. Der stellt sich ihnen als Herr Tur Tur vor und erzählt ihnen seine Geschichte: „Andere Menschen erscheinen immer kleiner, wenn sie sich entfernen bis sie schließlich am Horizont als Punkt verschwinden – bei mir ist das leider umgekehrt. Während andere in der Ferne kaum zu sehen sind, erscheine ich riesengroß!“ Herr Tur Tur ist ein sehr einsamer Mensch. „Überall, wo ich aufgetaucht bin, sind die Menschen schreiend vor mir weggelaufen. Keiner hatte den Mut sich mir zu nähern, um dann zu erkennen: Ich bin gar kein Riese.“


Diese Geschichte erzählt davon, wie Menschen Angst bekommen vor anderen und wie sie diese Angst wieder verlieren können. In der Bibel heißt es: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen.“ – das ist aber gar nicht so einfach.

Jim Knopf erfährt: Du musst einem Menschen schon nahe kommen, um ihm in die Augen zu sehen. Dann erst erkennst du ihn wirklich.

Dazu braucht es Mut. Es braucht Mut, wenn andere klug und überlegen erscheinen oder eine beeindruckende Uniform tragen. Andere Menschen können riesengroß erscheinen – und sie werden immer normaler, wenn ich ihnen näher komme.


Manchmal bin auch ich scheinbar ein Riese. Ich meine dann, es wäre besser, groß und stark zu erscheinen und nicht preiszugeben, wie verletzlich ich bin. Dann sehe ich für andere vielleicht riesengroß aus – und fühle mich doch gleichzeitig ziemlich mickrig und einsam.

„Fürchtet euch nicht vor den Menschen.“ – Wer anderen Menschen ohne Furcht begegnet, macht wahre Begegnung erst möglich. Geht es Dir etwa anders? Bevor Du heute vor einem Riesen weglaufen oder Dich selber ganz groß machen willst, denke nicht nur an Herrn Tur Tur, der in der Wüste gelandet ist, sondern an Jesus, der auch nicht weggelaufen ist, wenn er Begegnungen mit „Hohen Tieren“ hatte. Dann stellt sich der fehlende Mut auf andere zuzugehen sicherlich schnell ein!

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