Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Impressionen

Ich liebe das Ende der Saison

Die Tage werden kürzer und die Schatten werden länger.
Vor der Boutique friert im Kübel ein vergess`ner kleiner Baum.
Im Kurhaussaal rücken sie die Tische enger
Und heizen manchmal schon den vord`ren Raum.
Der heißumkämpfte Tisch, den nur die Halbgötter bekamen,
ist nicht mehr heißumkämpft und plötzlich frei.
Und dein Gesicht hat endlich für den Kellner einen Namen,
Du bist auf einmal wichtig und nicht nur Tisch Nummer drei!
Die Speisekarte wird mit jedem Tag ein bisschen kleiner,
Dafür mit jedem Tag ein bisschen größer; die Portion:
Es muss jetzt alles weg und wenn du es nicht isst, isst´s keiner –
Ich liebe das Ende der Saison!


An den verwaisten Fahnenmasten klopfen lose Leinen
Und irgendwo dort drüben schlägt ein Gartentor im Wind.
Wie all diese Geräusche deutlicher und lauter scheinen,
Wenn erst die lauten Stimmen der Saison verklungen sind!
Wenn sich jetzt zwei begegnen, ist das fast eine Verschwörung,
Und Wildfremde erzähl`n dir ihren ganzen Lebenslauf
Im Flüsterton, denn Sprechen wäre jetzt schon eine Störung.
Jetzt hat nur noch die Post und morgens der Schuhladen auf.
Einen Sommer lang bist du um ein Paar herumgestrichen,
Unverschämt teuer, doch gefallen würde es dir schon,
Seit gestern Abend ist das alte Preisschild durchgestrichen:
Ich liebe das Ende der Saison!


In der Strandgalerie hängt nur ein Bild, drauf steht: „Geschlossen“
Der Kiosk und das Eiscafé machen nach und nach dicht.
In Spinnweben über den verwitterten Fenstersprossen
Zittern glitzernde Tautropfen im späten Sonnenlicht.
Wenn jetzt die Sonne scheint, dann ist das nicht mehr selbstverständlich,
Und du nimmst jeden Strahl einzeln und dankbar hin.
Nichts ist mehr so wie`s war, und du kannst spür`n: Alles ist endlich.
Auch wenn du`s nicht verstehst, ahnst du doch: Es hat seinen Sinn.
Du braucht nicht mehr über die Gehsteigzuparker zu meckern:
Die Autoschickimickis sind schon längst auf und davon
Mit ihr`n Pelzdamen, deren Hunde die Wege vollkleckern –
Ich liebe das Ende der Saison.


Vorm Dorfkrug stehen ratlos ein paar Kästen leere Flaschen.
Im Schaukasten gilbt ein Menü aus längst vergang`ner Zeit.
Der Regen hat die Kreide von den Schrifttafeln gewaschen,
Wer jetzt noch hierher kommt, der weiß ja sowieso Bescheid.
Wer jetzt noch hierher kommt, der hat gelernt, sich zu bescheiden,
Und wenn er wieder geht, wird er ein Stückchen weiser sein:
Du brauchst im Leben wirklich nur, um keine Not zu leiden,
Einen Freund, ein Stück Brot, ein Tröpfchen Schmalz und ein Glas Wein!
Und all das gibt es hier noch allemal in allen Tagen,
Und wenn du klug bist, werden Leib und Seele satt davon.
„Und übrigens, die Runde geht auf mich“ hör´ ich mich sagen.
Ich liebe das Ende der Saison!
Und denk` dabei, ich stünde gern in fernen Tagen
Am Fenster einer kleinen, langsam schließenden Pension,
Und sähe auf die Wege meines Lebens und könnt` sagen:
Ich liebe das Ende der Saison!


Hundstage

Es gibt Tage, da wünscht‘ ich, ich wär mein Hund,
Und ich hätte seine keilförmige Nase, dann erschien‘
Mir die Umwelt vor ganz neuem Hintergrund,
Und ich ordnete sie ein in ganz andre Kategorien:
Die, die aufrecht geh‘n, die kriechen,
Die, die wohl, die übel riechen,
Und den Typen, die mir stinken, könnt‘ ich dann
Hose oder Rock zerreißen
Und sie in den Hintern beißen,
Was ich heut‘ nur in extremen Fällen kann,
Denn ich kenn‘ meinen zahnärztlichen Befund:
Es gibt Tage, da wünscht‘ ich, ich wär mein Hund.


Es gibt Tage, da wünscht‘ ich, ich wär mein Hund,
Ich läg‘ faul auf meinem Kissen und säh‘ mir mitleidig zu,
Wie mich wilde Hektik packt zur Morgenstund‘,
Und verdrossen von dem Schauspiel, legt‘ ich mich zurück zur Ruh‘.
Denn ich hätte zwei Int‘ressen:
Erstens Schlafen, zweitens Fressen.
Und was sonst schöngeistige Dinge angeht,
Wäre ausschließlich Verdauung
Der Kern meiner Weltanschauung,
Und der Knochen, um den diese Welt sich dreht,
Wär‘ allein meiner Meditationen Grund:
Es gibt Tage, da wünscht‘ ich, ich wär mein Hund.


Es gibt Tage, da wünscht‘ ich, ich wär mein Hund,
Denn mir scheint, dass ich als er beträchtliche Vorteile hätt‘,
Denn ich lebte, wie ich leb‘, weiter im Grund,
Äße zwar unter dem Tisch, doch schlief‘ ich noch in meinem Bett,
Sparte aber ungeheuer,
Zahlte nur noch Hundesteuer,
Nur in einem bin ich als Mensch besser dran,
Darum mag er mich beneiden,
Denn ich bin der von uns beiden,
Der die Kühlschranktür allein aufmachen kann.
Und das sind Momente, die genieße ich,
Denn ich weiß, dann wünscht‘ mein Hund, er wäre ich.

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