Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Mit meinem Gott…


… kann ich über Mauern springen


Es war am Buß-und Bettag 1970. Ich fuhr mit meinem Wagen zu einem Kongress für Evangelisten nach West-Berlin. Da zu dieser Zeit noch nicht der Grundlagenvertrag zwischen der DDR und BRD geschlossen war, der die problemlose Transitfahrt durch die DDR regelte, musste ich mich wie jeder andere Reisende nach West-Berlin einer sehr intensiven Zollkontrolle unterziehen.


Nach der Einsicht meiner Reisepapiere wurde ich gefragt: „Was wollen Sie in Berlin – West?“ „Ich will einen Evangelistenkongress besuchen“, bekam der Zöllner wahrheitsgemäß zur Antwort. „Welche Briefmarken führen Sie mit sich? „, lautete die zweite Frage. Ich entgegnete: „Was soll ich denn mit Briefmarken?“ Der Zöllner wurde energischer: „Wenn Sie zu einem Philatelistenkongress fahren wollen, so werden Sie doch sicherlich auch Briefmarken mit sich führen.“


Erst da wurde mir klar, dass der Mann einen Evangelistenkongress mit einem
Philatelistenkongress verwechselt hatte. Da er sich unter einem Evangelisten nichts vorstellen konnte, erzählte ich, dass es sich um Prediger handelt, die nicht nur in Gottesdiensten, sondern auch bei sogenannten „Evangelisationen“ das Wort Gottes verkündigen. Auf die Frage: „Wer kommt denn alles zu diesem Kongress?“, sagte ich ihm, dass viele weltbekannte Prediger sich dort treffen würden, um gemeinsam ihre Erfahrungen und Erlebnisse auszutauschen.

Jetzt wurde die Miene des Zöllners ernster. „Wird dort auch der Amerikaner Billy Graham sein?“, fragte er interessiert.


„Ja“, antwortete ich, „dieser Prediger kann doch bei einer solchen Zusammenkunft nicht fehlen.“ Was ich dann zu hören bekam, versetzte mich anfangs in ein mitleidiges Lächeln, welches mir aber bald vergehen sollte. Der Zöllner warnte mich eindringlich vor diesem „militaristischen Graham“ der ein „Kriegshetzer der schlimmsten Sorte“ sei.

Die Ausführungen des Uniformierten, der inzwischen Verstärkung geholt hatte, endeten mit der Behauptung: „Wissen Sie denn nicht, dass Graham immer ein Maschinengewehr in seinem Gepäck hat und es unter Umständen auch einsetzt?“


Ich erklärte den verdutzten Zöllnern, dass Billy Graham zwar von seinen Gegnern als das „Maschinengewehr Gottes“ bezeichnet wird, er aber überhaupt nicht im Besitz
eines solchen Mordinstrumentes sei. Mein Gegenüber wollte meiner Aussage kein Gehör schenken und überschüttete mich mit einem gut geschulten Redeschwall, der damit endete, dass ich mich einer sehr intensiven Durchsuchung des Gepäcks sowie meines Autos unterziehen musste.


Zur Freude der sich mit Eifer an diese Arbeit begebenden zwei Zöllner wurden sie auch tatsächlich fündig: Sie entdeckten meine Bibel und in einer Ecke des Kofferraumes ein altes verknittertes und ölverschmiertes Foto, auf welchem ich in Bundeswehruniform zu sehen war. Irgendwie war es mal aus einem Buch rausgefallen und im Auto vergessen worden.

Jetzt witterten die Zöllner Lunte. Als sie meine Bibel durchstöberten und Seite für Seite umblätterten, eine Bíbel ist ja bekanntlich vom Umfang her nicht gerade klein, entdeckten sie eine Spruchkarte mit einem Bibelvers aus Psalm 18 Vers 30: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“.

Unglücklicherweise befand sich in meiner Bibel noch ein schriftliches Konzept eines Referates, welches ich einmal über Jona gehalten hatte. In dieser Ausarbeitung, die das Thema „Fluchtwege“ hatte, war aufgezeigt, wie ein
Mensch versucht, vor Gott zu fliehen, aber doch wieder von ihm eingeholt wird. Diese schriftlichen Notizen, verbunden mit dem Aufruf, über „die Mauer zu springen“, waren für die emsig suchenden Zöllner wohl Grund genug zur Annahme, dass sie einen „dicken Fisch“ gefangen hatten.


Jetzt lachte ich nicht mehr, denn nun musste ich nachweisen, dass ich kein Fluchthelfer war, der im Begriff war, eine Republikflucht vorzubereiten. Das sich anschließende Verhör dauerte ca. drei Stunden. In dieser Zeit musste ich vor etlichen Personen mit und ohne Uniform ausführlich meine Predigt über Jona halten. Immer wieder wurde ich von meinen „Zuhörern“ mit Fragen zum Bibeltext unterbrochen. Es war wohl die erste „Bibelstunde“ für die Grenzorgane der NVA und Stasi-Mitarbeiter.


Als ich sie dann von meiner Unschuld überzeugt hatte, erhielt ich die mir abgenommenen „Tatgegenstände“ wieder zurück und konnte erleichtert meine Reise fortsetzen. Bei der Kontrollstelle Babelsberg zur Einreise nach West-Berlin, inzwischen waren die Zöllner, die dort Dienst taten, schon informiert worden, dauerte die intensive Kontrolle deshalb „nur“ ca. 40 Minuten.


Seit dieser Zeit muss ich immer wieder an meine „Grenzpredigt“ denken, wenn ich nach Berlin fahre, auch wenn die Baracke, in der ich „predigen“ durfte, schon längst abgerissen ist. Eine Bibel und div. Spruchkarten mit Bibelstellen habe ich seit dieser Zeit nicht mehr auf Reisen nach West Berlin und in die DDR mitgenommen, aber bis heute hat sich immer wieder bewahrheitet, dass ich mit „meinem Gott über Mauern springen kann“.

Heute, nach dem Fall der Mauer, fahre ich als Dank und Erinnerung an unzählig viele bewahrte Fahrten in die damalige DDR jedes Jahr am Tag der Deutschen Einheit an den Ort, um mit Christen aus Ost und West vor den alten Zollgebäuden einen Lob- und Dankgottesdienst zu feiern.  So ist etwas zur Normalität geworden, was früher undenkbar war.


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