Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Pitsch (I)

Seifenblasen – vergängliche Wunderwerke

Sie haben für mich immer etwas sehr Anziehendes. Wer sich den Sinn für Poesie behalten hat, gibt sich auch als Erwachsener gern dem Spiel der Seifenblasen hin. Wenn es mich packt und keiner sieht es, öffne ich verschämt meinen Schreibtisch und blase in ein kleines Röhrchen. Dann lasse ich die zarten Gebilde entstehen, wohlweislich, dass mir kein Mensch dabei zusieht, ist das doch nun wirklich ein Kinderspiel, schließlich habe ich mir die Werbegeschenke für die Kinder meiner Versicherungskunden zugelegt und nicht für mich. Dann lasse ich mich von der Farbenpracht verzaubern und träume den dahinschwebenden Zaubergebilden nach, die leider so schnell vergänglich sind. Kein Wunder, dass Seifenblasen die Menschen schon immer fasziniert haben. Seifenblasen sind hauchdünne Kunstwerke, entfalten aber eine ungeheure Farbenpracht, wenn sie sich tanzend und flimmernd im Sonnenschein bewegen.

Sie sind künstliche Spiegel, in denen man sich und seine Umwelt, wenn auch nur für Sekunden, in unzähligen Farben sehen kann.

Seifenblasen sind unendlich empfindlich, schon der geringste Windzug verändert ihre Flugrichtung. Die feinste Berührung des filigranen Kunstwerkes bedeutet das Ende, weil es dann mit einem leisen „Pitsch“ zerplatzt. Eben noch ein Kunstwerk, jetzt ein Nichts.

Als Kind habe ich mich über ein Glas gutgemixter Seifenlauge und einen Strohhalm oft mehr gefreut als über andere Geschenke.

Es gibt viele Seifenblasenspiele, die selbst wir Erwachsene aus unserem Kindheitsmuster in unsere Wirklichkeit projizieren. Während der Zeit, die ich kürzlich im Krankenhaus verbringen musste, beobachtete ich fast alle zwei Stunden einen hageren, älteren Mann, wie er rauchend auf dem Hof stand und mit seinen Rauchkringeln spielte, als hätte er seine Seifenblasen aus der Kinderzeit wiederentdeckt. Der todbringende Glimmstängel, den ihm mit Sicherheit sein Arzt verboten hatte, und der ihm immer mehr Geld aus seinem Portmonee zieht, verschaffte ihm allerdings keine glücksstrahlenden Kinderaugen, die sich über die schillernden Kunstwerke freuen.
Er hat immer noch nicht gemerkt, dass seine dampfenden lllusionen tödlich sein können, er braucht sich nur einmal aufmerksam die Aufkleber auf seiner Zigarettenschachtel durchzulesen. Auch sein Lebenstraum wird einmal platzen, ziemlich schnell sogar, wenn er nicht einmal im Krankenhaus mit dem Rauchen aufhören kann. Geschweige denn mein Bettnachbar, der sich sogar trotz schweren Asthmas nach dem morgendlichen Inhalieren hemmungslos seinem Seifenblasenspiel hingab.

Ist es wirklich nur ein Kinderspiel oder etwas für verspielte Erwachsene ohne Verantwortung für den eigenen Körper?

Gibt es nicht im Leben immer wieder Situationen, in denen wir so sorglos, wie die Kinder mit Seifenblasen spielen, mit unserem Leben umgehen und dann so tun, als wenn wir darüber frei verfügen könnten?

„Meine Vorstellung vom Leben, mein Lebenstraum, er ist geplatzt wie eine Seifenblase!“ Wie oft hab ich diesen Satz schon gehört oder auch selbst gesprochen, besonders in den letzten Jahren?

Da wollte ich bis zur Rente als hauptamtlicher Diakon in der evangelischen Kirche arbeiten. Doch dann kam „aufgrund widersprüchlicher Willenskundgebungen“ eine Änderungskündigung.

Pitsch


Da wollte ich mit einem Menschen alt und glücklich werden. Am Ende war es nicht mal eine Sachliche Romanze.

Da wollte ich 2007 noch einmal durchstarten, nachdem mein Arbeitgeber allen älteren Mitarbeitern gekündigt hatte, da kam ich von einem Flohmarkt direkt auf die Intensivstation. Diagnose Lymphdrüsenkrebs.

Pitsch


Da wollte und konnte, hätte und sollte, möchte und täte…

Manchmal habe ich den Eindruck, dass es, je älter man wird, umso öfters im Leben pitscht. Wie kommt das? Liegt das daran, dass wir Menschen mit zunehmendem Alter immer mehr Pech im Leben haben, dass wir feinfühliger werden oder daran, dass wir Geschehnisse bewusster wahrnehmen und einfach unsere Lebenserfahrungen anders werten?

Begleiten uns „Pitsche“ nicht von unserem ersten bis zum letzten Atemzug?

Wie sehen Deine persönlichen „Pitsche“ aus?

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Responses

  1. Bin über den Link hier ‚gelandet‘. Gefällt mir immer wieder, wie du so unverbrämt berichtest…aus deinem Leben. Stelle fest, dass dein ‚Typus‘ halt für viele Andere wohl zu ‚unbequem‘ ist….liege ich richtig?


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