Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Senioren, ich komme

Nichts ahnend gehe ich zum Briefkasten. Doch dieser Gang sollte mein Denken langfristig verändern. Nein, kein Brief vom Finanzamt, auch keine Aufforderung eines Inkassobüros, sondern etwas viel Schlimmeres. Da schreibt mir eine Seniorenvereinigung und bietet mir ihre Hilfe an. Dazu noch eine Einladung für jeden über 55 Jahre. Woher die nur meine Adresse und mein Alter haben?

Gelangweilt werfe ich diesen Brief, ohne ihn weiter durchgelesen zu haben, in den Papierkorb. „Was soll der Schmarren?“, denke ich mir. Doch nach 10 Minuten liegt die zerknitterte Einladung wieder auf meinem Schreibtisch. Eh ich mich versehe, überträgt sich der äußere Zustand auf meine Stimmung. Ja, ich bin auch zerknittert. Hätte ich den Brief doch nur in den Reißwolf gesteckt. Wo ist sie geblieben, die Zeit?

Ich schaue zurück, nein nicht im Zorn, sondern im Dank, sehe Stationen meines Lebens, sehe gute und schlechte Tage und bleibe bei einem Bild hängen, was über meinem Kinderbett hing. Es zeigt den Guten Hirten, der in der untergehenden Abendssonne mit einem Gesicht voller Sanftmut auf seine Schäfchen, die friedlich am Ufer eines malerischen Weihers vor sich her fressen, schaut. Dieses Bild ist mit mir gezogen, der Gute Hirte Jesus, hat bis heute für mich gesorgt, auch dann, wenn ich mal nicht unbedingt in seiner unmittelbaren Nähe war.

Da steht das Ende meines ersten Arbeitstages am 2. April 1961 wieder vor Augen, als ich am Ende der ersten 8.5 Stunden zu Hause meine Tasche im hohen Bogen in die Ecke schleuderte und stöhnte: „So ein Mist. Jetzt muss ich noch 51 Jahre und 364 Tage arbeiten, bis ich in den wohlverdienten Ruhestand gehen kann“. Ich war so sauer darüber, dass ich sogar die Sonn- und Feiertage mitzählte. 52 Jahre, welch eine Zeitspanne. Unvorstellbar für ein am Vortag konfirmiertes Kind mit knapp 14 Jahren.

Nun ist diese Zeit schon fast vorbei und ich muss er- und bekennen: Jawohl, ich bin zum Senior mutiert und will es doch immer noch nicht wahrhaben. Ich gebe zu, ich hab die Zeichen des Altwerdens ignoriert. Ist doch eigentlich verständlich, oder? Doch zwei Volltreffer, die mich im wahrsten Sinn des Wortes ins Herz trafen und mir neben einem Aufenthalt im Krankenhaus auch noch eine Kur bescherten, brachten mich zum Nachdenken. Auch wenn du dich noch so dagegen wehrst und alles dafür tust, dass man dir dein Alter nicht ansieht, alles wird langsamer, man ist nicht mehr so fit. Der Körper spricht nun mal eine andere Sprache als der Geist. Für jemanden, der es nicht zum Vater, geschweige bis zum Opa gebracht hat, ist die Erkenntnis des Altwerdens eine Grenze, die in vielen Schritten von mir passiert werden muss. Doch viel üben kann man nicht, irgendwann wacht Mann mal auf und schon wird man als Senior angesprochen. Ich schau mich doch schließlich nicht jeden Tag im Spiegel an, um meine Falten zu zählen. Eigentlich könnte ich hier schon einen Punkt machen. Doch mich fuchst jene bekloppte Einladung ungemein. Sie hält mir ungeschminkt meinen Ist-Zustand vor Augen, auch wenn ich mich immer noch in meinem kleinen Kinderbettchen liegen sehe. Und als ob es mein Gegenüber geahnt hätte, spricht mich nur wenige Tage danach ein Kunde an und meint: „Na, wie lange haben sie es denn noch bis zur Rente?“ Nun will ich es wissen. Ich zücke meinen Personalausweis und schaue mir die Rückseite an, auf der sich ein Aufkleber mit meiner Rentennummer befindet.

Dann wage ich einen Anruf bei der BfA, die inzwischen auch ihren Namen geändert hat und bekomme das magische Datum: 1.März 2011 als meinen frühesten Rententermin genannt. Wat mutt, dat mutt. Ich gebe unumwunden zu: Meinem leider berechtigten Eingruppieren in die Gruppe der Senioren stehe ich fast hilflos gegenüber, kam sie doch plötzlich und unerwartet. Natürlich habe ich mich dabei ertappt, dass ich seit längerer Zeit genau das mache, was ich lange nicht bei meinen Eltern verstanden habe: Die letzte Seite der Lokalzeitung ist nun auch meine erste Seite, die ich lese.

Dann vergleiche ich immer wieder das Alter der Verstorbenen und muss feststellen, dass der Zeitpuffer immer kleiner wird. Sollte ich dann noch einen mit bekanntem Namen entdecken, dauert das Zeitungslesen länger. Aber ist das schon eine gute Vorbereitung???? Und wenn dann am Sonntag im Gottesdienst noch der Verstorbenen der letzten Woche gedacht wird, merke ich noch mehr, wie ich dem Altwerden nicht entrinnen kann. Besonders betroffen bin ich immer, wenn ich Menschen beerdigen muss, die mein Alter haben oder sogar noch jünger sind als ich.

Wenn ich an das Älterwerden einmal aus statistischer Sicht heran gehe, erfahre ich folgende ernüchternde Fakten: „Die Lebenserwartung eines neugeborenen Kindes wird in Deutschland in den kommenden 50 Jahren um weitere vier Jahre steigen. Jungen werden dann durchschnittlich 78,1 Jahre alt, Mädchen können mit einer Lebenszeit von 84,5 Jahren rechnen. Heute gibt es in Deutschland 1,6 Millionen Menschen, die älter als 85 Jahre sind. 2050 werden es voraussichtlich 4 Millionen sein. Die Deutschen werden immer weniger und immer älter. Heute leben in Deutschland etwa 82 Millionen Menschen. Im Jahr 2050 werden es nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden – abhängig von der Zahl der Zuwanderer – nur noch 70 bis 65 Millionen sein. Zu diesem Rückgang kommt es, weil viel mehr Menschen in Deutschland sterben als Kinder geboren werden. Die Altersstruktur wird sich dementsprechend verändern. Die über    60-Jährigen haben heute einen Anteil von 23 Prozent an der Bevölkerung. Im Jahr 2050 werden es 35,8 Prozent sein. Umgekehrt nimmt der Anteil junger Menschen ab. Heute sind 21,3 Prozent der Deutschen jünger als 20 Jahre. 2050 werden es nur noch 16,3 Prozent sein. Frauen und Männer im Alter von 58 bis 63 werden dann die größte Bevölkerungsgruppe sein. Heute sind es die 35- bis 40-Jährigen“. (Quelle Stern)

Ich versuche mich seit jener postalischen Einladung an das Altwerden heranzutasten, auch wenn ich mich derzeit noch ohne Probleme auf das Dach meines Einfamilienhauses begeben kann, um eine Antenne auszurichten. Aber ich gebe zu, dass ich inzwischen mit wesentlich mehr innerer Bereitschaft und Anteilnahme meine ehrenamtliche Arbeit im Vorstand eines Altenheimes wahrnehme und mich sogar zu einem Besuch einer Fachmesse für die Arbeit mit alten Personen angemeldet habe. Noch vor zehn Jahren wären solche Dinge für mich völlig unverstellbar gewesen. Warum denn auch????

Alt werden doch immer nur die anderen, ich doch nicht. Nein, kein Mensch will älter werden, aber nach meinem Wollen wird nicht gefragt. Fast überall kann ich meinen Willen einbringen, aber hier sind mir die Hände gebunden. Das Alter kommt, so habe ich es erfahren, schleichend. Plötzlich unterhält man sich bei den Klassentreffen nicht mehr groß und breit über die Kinder, sondern über die Enkelkinder, nicht mehr über berufliche Pläne oder andere mehr oder weniger spektakuläre Ereignisse.

Nein, Krankheiten und Fragen nach der Rente, nach einem geeigneten Altersruhesitz, sind jetzt an der Tagesordnung. Wo ist sie geblieben, die Zeit? Ich schaue zurück, nein nicht im Zorn, sondern im Dank, sehe Stationen meines Lebens, sehe gute und schlechte Tage, aber der gute Hirte aus meiner Kindheit ist mitgezogen und ich bin ihm nachgetrottet. Bis heute hab ich es noch nicht bereut. Jesus hat bis heute für mich gesorgt, auch dann noch, wenn ich mal nicht unbedingt in seiner unmittelbaren Nähe war.

Kann man das Älterwerden lernen? Sicherlich, aber man muss sich diesem schleichenden Prozess bewusst stellen. Dazu gehört Mut, Mut sich einzugestehen, dass man nun nicht mehr in der Badeanstalt vom Zehner ins Wasser springen kann, sondern sich freut, wenn es noch vom Ein-Meter Brett einigermaßen klappt, ohne auf dem Bauch oder Hintern zu landen. Mut zur Begrenztheit ist angesagt, wer sich zu etwas zwingt, der hat schon verloren. Jung sein um jeden Preis wirkt verkrampft. Alt werden ist ein Lernprozess, der uns bis zu unserem Lebensende fordert. Das hab ich bereits verinnerlicht.

Eine weitere Lektion ist das Loslassen lernen. Wieviel Hausrat meiner Mutter aus einer 140 qm Wohnfläche in eine kleine Stube in einem Altenheim passt, habe ich vor einigen Jahren selbst schmerzlich erfahren müssen. Einige Bilder, etwas Kleidung, ein kleines Schränkchen sowie die Bibel nebst Gesangbuch. Alles passt in den Kofferraum eines Mittelklassewagens.


Ist es da ein Wunder, wenn Menschen, die das Abgeben nicht gelernt haben, im Alter innerlich verhärten und immer Sehnsucht nach ihrer früheren Selbstständigkeit haben?

Auch das Reden über andere nimmt besonders im fortschreitenden Alter mehr zu. „Ich bin doch viel besser, die anderen können doch nichts“… Wie schnell ist man mit solchen Sprüchen dabei und merkt nicht, wie man sich dadurch immer mehr isoliert. Vereinsamung ist eine logische Folge, denn wer will schon mit einem solchen Menschen zu tun haben?


Die Jahreszahl sagt bekanntlich nicht viel über das Alter aus. Sehen wir uns Jopi an, der mit 101 Jahren einen TV-Werbespot für eine Versicherung abgedreht hat.

Wie alt ein Mensch wirklich ist, lässt sich unter anderem auch an seiner Flexibilität ablesen: Wie flexibel ist ein Mensch geblieben? Kann er noch Neues oder anderes denken und zulassen oder gilt nur das, was er denkt, wie er Dinge angeht, was er für richtig hält? Wie anpassungsfähig ist er noch?

Wie viele verbitterte alte Menschen gibt es? Man kann ihnen nichts recht machen. An allem und jedem nörgeln sie herum. Verbitterung kann sich bei alten Menschen schnell einnisten, sie müssen sich ja fast immer den Gegebenheiten beugen, können nur noch im geringen Maße selbst bestimmen.

Wer sich in seinem Leben immer zu beschäftigen wusste, der wird auch im Alter genug zu tun haben, und wenn es „nur“ das Lösen von Kreuzworträtseln sein sollte, um den Geist fit zu halten. Ich sehe so viele alte Menschen, wenn ich in regelmäßigen Abständen in einem Altenheim predige, die einfach nur gleichgültig und apathisch tatenlos herumsitzen, weil sie sich zu nichts mehr aufraffen können und nur vor sich hinstarren. Viele sind auch von Hass und Neid fixiert, weil man irgendwann einmal im Leben schlimme Dinge erleiden musste, die nicht verarbeitet worden sind. Demenz und Desinteresse am Leben, am Wohlergehen des Nachbarn, sind an der Tagesordnung, weil mit dem Nachlassen der Kräfte im Alter oft auch eine Persönlichkeitsveränderung erfolgt: „Ich brauchte in meinem Leben keine Hilfe, ich bin selbständig.“ Dann besteht die Gefahr, dass man im Alter störrisch, stur und bitter wird. Da laufen eben die Dinge anders, nicht mein Wille gibt den Ton an, sondern die Befindlichkeit meines Körpers.

Manche älteren Menschen fallen durch mehr oder weniger starke Charakterveränderungen auf. Man kann sagen: Das Alter hat eine Lupenfunktion: Es zeigt sich was eigentlich schon immer vorhanden war, nur verstärkt, also in voller Ausprägung. So treten die einzelnen Charakterzüge im Alter häufig besonders vor und zwar die positiven wie die negativen:

Sparsame Menschen haben den Drang im Alter geizig zu werden, vorsichtige werden oft misstrauisch, gewissenhafte neigen zu einem pedantischen Leben im Alter, leicht erregbare Menschen werden mit zunehmenden Alter oft jähzornig und eigenwillige starrköpfig.

Wer schon mit dreißig oder vierzig Jahren ständig über das Leben gejammert und an allem herum zu nörgeln hatte, der wird im Alter nicht gerade eine fröhliche Atmosphäre verbreiten. Wer sich bereits in der Lebensmitte gehen lässt, der wird im Alter als schwierig empfunden werden.

Bei dieser Aufzählung, die sicherlich noch
lange nicht komplett ist, sieht es eher düster aus, wenn ich an mein Älterwerden denke. Auch mich beschleicht eine Art Angst, die aber eine „besondere Qualität“ hat. Während fast alle Ängste sich früher oder später auflösen, weil man sie ihrer Gründe beraubt hat, ist diese Angst vor dem Alter latent vorhanden, weil sich die Gegebenheiten nie verändern werden. Im Gegenteil: Mit jedem vergangenen Tag, mit jedem Jahr kommt das Alter mir näher und die Zeit eilt um ein Vielfaches schneller, obwohl ich weiß, dass 60 Sekunden in 2006 nicht länger sind als 60 Sekunden in 1961.

Was ich jetzt schon lernen will und lernen muss, um nicht im Alter einem Fiasko zu begegnen, ist die Tatsache, dass ich Frieden mit der Vergangenheit schaffen muss. Wer Frieden mit Gott und den Menschen geschlossen hat, wer sich selbst den Frieden erklärt hat, wird sicherlich im Alter von zusätzlichen Belastungen auch nicht verschont. Allerdings glaube ich fest, dass ich mit diesen neuen horizontalen und vertikalen Friedensschlüssen nun neue und unbekannte Lebensumstellungen nicht als schicksalsbedingte, unveränderliche Fakten willenlos akzeptiere, sondern diese als Herausforderung erkenne und annehme.

Dabei hilft mir jetzt schon eine wegweisende biblische Aussage aus dem alten Testament, wo Gott spricht: „Von Anfang an habe ich euch getragen, seit eurer Geburt, sorge ich für euch! Ich bleibe derselbe, ich werde euch tragen bis ins hohe Alter, bis ihr grau werdet. Ich, der Herr, habe es bisher getan, ich werde euch auch in Zukunft tragen und retten. Jes. 46,3-5

Wie ein Vater seinen Sohn auf den Armen trägt, so werde ich auch von Gott getragen. Gott behält mich auch dann noch auf seinen Armen, wenn andere mich längst absetzen und sich von mir abwenden würden. Er trägt und erträgt mich bis ins hohe Alter, bis ich grau werde. Auch dann will Gott mich noch tragen, wenn mein irdisches Leben zu Ende geht, auch dann stellt er mich nicht mit den Worten ab: „So jetzt seh zu, wie Du klar kommst.“ Er verspricht nicht nur, mich nicht fallen zu lassen, er will mich tragen und retten und mich in seine Ewigkeit durchbringen. In dem Maße, wie diese Erkenntnis, die hoffentlich täglich etwas zunimmt, wird die Angst und Sorge vor dem Altwerden jeden Tag etwas geringer.

Senioren, ich komme….. So gaaanz langsam kann ich mich auf den neuen Lebensabschnitt freuen.

Nachtrag 2011: Den Text habe ich 2004 geschrieben. Inzwischen bin ich ein Senior. Trotzdem habe ich den Text nicht geändert, sondern nur mit diesem Zusatz versehen.

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Responses

  1. Danke für diesen wunderbaren Blog. Bbesonders durch den Beitrag „Senioren ich komme“. Er spricht mir aus dem <Herzen.
    Zum Schluß noch die Worte und Bilder aus Psalm 23..

    • Der hat schon einige Jahre auf dem Puckel. Heute würde ich mehr Erfahrung einschließen. Damals war der Artikel ein Gedankenspiel, heute würde er lebendige Erfahrung sein.


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