Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Senioren, ich komme II

Kann man das Älterwerden lernen? Sicherlich, aber man muss sich diesem schleichenden Prozess bewusst stellen. Dazu gehört Mut, Mut sich einzugestehen, dass man nun nicht mehr in der Badeanstalt vom Zehner ins Wasser springen kann, sondern sich freut, wenn es noch vom Ein-Meter Brett einigermaßen klappt, ohne auf dem Bauch oder Hintern zu landen. Mut zur Begrenztheit ist angesagt, wer sich zu etwas zwingt, der hat schon verloren. Jung sein um jeden Preis wirkt verkrampft. Alt werden ist ein Lernprozess, der uns bis zu unserem Lebensende fordert. Das hab ich bereits verinnerlicht.

Eine weitere Lektion ist das Loslassen lernen. Wieviel Hausrat meiner Mutter aus einer 140 qm Wohnfläche in eine kleine Stube in einem Altenheim passt, habe ich vor einigen Jahren selbst schmerzlich erfahren müssen. Einige Bilder, etwas Kleidung, ein kleines Schränkchen sowie die Bibel nebst Gesangbuch. Alles passt in den Kofferraum eines Mittelklassewagens.


Ist es da ein Wunder, wenn Menschen, die das Abgeben nicht gelernt haben, im Alter innerlich verhärten und immer Sehnsucht nach ihrer früheren Selbstständigkeit haben?

Auch das Reden über andere nimmt besonders im fortschreitenden Alter mehr zu. „Ich bin doch viel besser, die anderen können doch nichts“… Wie schnell ist man mit solchen Sprüchen dabei und merkt nicht, wie man sich dadurch immer mehr isoliert. Vereinsamung ist eine logische Folge, denn wer will schon mit einem solchen Menschen zu tun haben?


Die Jahreszahl sagt bekanntlich nicht viel über das Alter aus. Sehen wir uns Jopi an, der mit 101 Jahren einen TV-Werbespot für eine Versicherung abgedreht hat.

Wie alt ein Mensch wirklich ist, lässt sich unter anderem auch an seiner Flexibilität ablesen: Wie flexibel ist ein Mensch geblieben? Kann er noch Neues oder anderes denken und zulassen oder gilt nur das, was er denkt, wie er Dinge angeht, was er für richtig hält? Wie anpassungsfähig ist er noch?

Wie viele verbitterte alte Menschen gibt es? Man kann ihnen nichts recht machen. An allem und jedem nörgeln sie herum. Verbitterung kann sich bei alten Menschen schnell einnisten, sie müssen sich ja fast immer den Gegebenheiten beugen, können nur noch im geringen Maße selbst bestimmen.

Wer sich in seinem Leben immer zu beschäftigen wusste, der wird auch im Alter genug zu tun haben, und wenn es „nur“ das Lösen von Kreuzworträtseln sein sollte, um den Geist fit zu halten. Ich sehe so viele alte Menschen, wenn ich in regelmäßigen Abständen in einem Altenheim predige, die einfach nur gleichgültig und apathisch tatenlos herumsitzen, weil sie sich zu nichts mehr aufraffen können und nur vor sich hinstarren. Viele sind auch von Hass und Neid fixiert, weil man irgendwann einmal im Leben schlimme Dinge erleiden musste, die nicht verarbeitet worden sind. Demenz und Desinteresse am Leben, am Wohlergehen des Nachbarn, sind an der Tagesordnung, weil mit dem Nachlassen der Kräfte im Alter oft auch eine Persönlichkeitsveränderung erfolgt: „Ich brauchte in meinem Leben keine Hilfe, ich bin selbständig.“ Dann besteht die Gefahr, dass man im Alter störrisch, stur und bitter wird. Da laufen eben die Dinge anders, nicht mein Wille gibt den Ton an, sondern die Befindlichkeit meines Körpers.


Manche älteren Menschen fallen durch mehr oder weniger starke Charakterveränderungen auf. Man kann sagen: Das Alter hat eine Lupenfunktion: Es zeigt sich was eigentlich schon immer vorhanden war, nur verstärkt, also in voller Ausprägung. So treten die einzelnen Charakterzüge im Alter häufig besonders vor und zwar die positiven wie die negativen:

Sparsame Menschen haben den Drang im Alter geizig zu werden, vorsichtige werden oft misstrauisch, gewissenhafte neigen zu einem pedantischen Leben im Alter, leicht erregbare Menschen werden mit zunehmenden Alter oft jähzornig und eigenwillige starrköpfig.

Wer schon mit dreißig oder vierzig Jahren ständig über das Leben gejammert und an allem herum zu nörgeln hatte, der wird im Alter nicht gerade eine fröhliche Atmosphäre verbreiten. Wer sich bereits in der Lebensmitte gehen lässt, der wird im Alter als schwierig empfunden werden.

Bei dieser Aufzählung, die sicherlich noch
 lange nicht komplett ist, sieht es eher düster aus, wenn ich an mein Älterwerden denke. Auch mich beschleicht eine Art Angst, die aber eine „besondere Qualität“ hat. Während fast alle Ängste sich früher oder später auflösen, weil man sie ihrer Gründe beraubt hat, ist diese Angst vor dem Alter latent vorhanden, weil sich die Gegebenheiten nie verändern werden. Im Gegenteil: Mit jedem vergangenen Tag, mit jedem Jahr kommt das Alter mir näher und die Zeit eilt um ein Vielfaches schneller, obwohl ich weiß, dass 60 Sekunden in 2006 nicht länger sind als 60 Sekunden in 1961.

Was ich jetzt schon lernen will und lernen muss, um nicht im Alter einem Fiasko zu begegnen, ist die Tatsache, dass ich Frieden mit der Vergangenheit schaffen muss. Wer Frieden mit Gott und den Menschen geschlossen hat, wer sich selbst den Frieden erklärt hat, wird sicherlich im Alter von zusätzlichen Belastungen auch nicht verschont. Allerdings glaube ich fest, dass ich mit diesen neuen horizontalen und vertikalen Friedensschlüssen nun neue und unbekannte Lebensumstellungen nicht als schicksalsbedingte, unveränderliche Fakten willenlos akzeptiere, sondern diese als Herausforderung erkenne und annehme.

Dabei hilft mir jetzt schon eine wegweisende biblische Aussage aus dem alten Testament, wo Gott spricht: „Von Anfang an habe ich euch getragen, seit eurer Geburt, sorge ich für euch! Ich bleibe derselbe, ich werde euch tragen bis ins hohe Alter, bis ihr grau werdet. Ich, der Herr, habe es bisher getan, ich werde euch auch in Zukunft tragen und retten. Jes. 46,3-5


Wie ein Vater seinen Sohn auf den Armen trägt, so werde ich auch von Gott getragen. Gott behält mich auch dann noch auf seinen Armen, wenn andere mich längst absetzen und sich von mir abwenden würden. Er trägt und erträgt mich bis ins hohe Alter, bis ich grau werde. Auch dann will Gott mich noch tragen, wenn mein irdisches Leben zu Ende geht, auch dann stellt er mich nicht mit den Worten ab: „So jetzt seh zu, wie Du klar kommst.“ Er verspricht nicht nur, mich nicht fallen zu lassen, er will mich tragen und retten und mich in seine Ewigkeit durchbringen. In dem Maße, wie diese Erkenntnis, die hoffentlich täglich etwas zunimmt, wird die Angst und Sorge vor dem Altwerden jeden Tag etwas geringer.

Senioren, ich komme….. So gaaanz langsam kann ich mich auf den neuen Lebensabschnitt freuen.


Nachtrag 2011: Den Text habe ich 2004 geschrieben. Inzwischen bin ich ein Senior. Trotzdem habe ich den Text nicht geändert, sondern nur mit diesem Zusatz versehen.


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