Verfasst von: Hao | 29. November 2011

Erinnerungen an Mutter (I)

  geb. 02.04.1910 in Remscheid-Lennep gest. 10.04.2006 in Hückeswagen

Meine Trauerrede vom 18.04.2006 in Remscheid Lennep

Liebe Trauergemeinde, wenn ich hier in die Runde schaue, sehe ich viele vertraute Gesichter, die ich schon seit meiner Kindheit kenne. Diese Begegnung, auch wenn der Anlass ein trauriger ist, stellt für mich etwas Besonderes da, weil Ihr mich alle an eine kostbare Zeit erinnert, die ich mit Mutter und Euch gemeinsam erlebt habe, sei es die Versammlungszeit, die Zeit in der Sonntagsschule oder auch in den Jugendstunden. Nicht zuletzt die Tatsache, dass wir uns wohl in dieser Runde nie noch einmal sehen werden, macht die Zeit mit Euch so wertvoll. Danke, dass Ihr alle gekommen seid. Eure Anwesenheit gibt in dieser schweren Stunde das Gefühl, nicht allein zu sein.

Den Grund unseres Wiedersehens kennen wir. Wir haben uns heute hier zusammengefunden, um von einem Menschen Abschied zu nehmen, der uns in vielfältiger Weise nahe stand. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, auch wenn wir uns noch so dagegen sträuben: Wir müssen heute Abschied nehmen von Margarete Hebbinghaus. Ein Abschied ist immer mit sehr vielen Schmerzen verbunden, weil wir wissen, dass es, zumindest auf dieser Welt, kein Wiedersehen mehr gibt. Und es fällt mir unsagbar schwer, hier zu stehen, aber das bin ich Mutter schuldig.

„Der Tod macht stille Leute!“, heißt es. Wie wahr es ist, spüre ich auch in diesem Augenblick. Dabei wäre es Mutter sicher nicht recht, wenn sie uns hier mit einer Trauermiene sähe. Ich denke, sie würde uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Vor dem Sterben hatte sie keine Angst, im Gegenteil – sie war neugierig auf das Leben, was auf sie wartete, freute sie sich doch darauf, endlich bei ihrem Heiland sein zu können.

Bei meinem letzten Besuch habe ich schon ihre Sehnsucht zu Jesus gespürt. Sie war bereit für ein Leben bei Jesus. Mutters Augen verharrten länger als sonst in der Ferne, sie schlossen sich häufiger und länger, als müssten sie sich von den Anstrengungen unserer Gegenwart, wir feierten am 2. April ihren 94sten Geburtstag, ausruhen. Mutter bemerkte wohl, dass ich hilflos und traurig an ihrem Bett saß; und sie war es, die mich tröstete – nicht umgekehrt. Sie sagte mir, dass sie mit ihrem Leben zufrieden war und dass sie sich nun darauf freue, zu Jesus gehen zu dürfen.

Auch wenn die Kinder, schon lange erwachsen sind, fällt es uns doch schwer einzusehen, dass Mutters Lebensuhr abgelaufen ist… Je älter man wird, umso öfter finden wir uns vor einem Sarg eines Menschen wieder, dessen Weg wir ein Stück begleitet haben. Doch heute ist es für meinen Bruder und für mich anders, ganz anders. Heute müssen wir einen Menschen beerdigen, zu dem Rainer und ich „Mutter“ sagen durften. Nur zwei Personen in der ganzen Welt hatten dieses Privileg.

Einerseits ist es das schönste Wort auf Erden, andererseits ist dies unser traurigster Tag, weil wir einen Menschen nie mehr mit „Mutter“, nie mehr mit „Mama“ anreden können. Wir alle wissen, dass das irdische Leben ein Wechselspiel von Werden und Vergehen ist. Wir wissen es, wir sehen es derzeit deutlich in der Natur, die nach dem Wintertod wieder zu leben beginnt. Was aber das Vergehen in seiner ganzen Tiefe, in seiner Härte bedeutet, wird doch nur dann erst so richtig deutlich, wenn wir einen Menschen loslassen müssen, der unser Leben bereichert hat, der eine Säule unseres Lebens war, ja, dem mein Bruder und ich das Leben zu verdanken haben. Jetzt müssen wir Mutter loslassen, wir können sie nicht wieder lebendig machen. Wir Menschen können viel, sehr viel schaffen, doch im Angesicht des Todes werden wir in unsere Schranken gewiesen. Wir müssen unsere Ohnmacht bekennen und sie uns eingestehen. Nein, nicht mehr „Tschüss Mama“, oder „Tschüss Tante Grete, alles Gute, Gott befohlen“.

Es wird auch seit dem 10. April nie mehr heißen: „Ich bete für dich“. Wir verlieren heute eine Frau, die bis zu ihrem letzten Atemzug für ihre Kinder gebetet hat. Sie umschrieb es dann immer so schön mit: „Ich denke an dich.“ Wir alle wissen, dass der Tod zum Leben dazugehört, aber wollen wir es auch wirklich wahrhaben? Richten wir uns im Leben schon danach? Wie es auch sei: Wir müssen mit dem Tod rechnen, jeden Tag wieder aufs Neue.
span>

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: