Verfasst von: Hao | 30. November 2011

Kurtagebuch IV

7. September 2004

Ich bin wieder ein Stück weiser geworden. Richtige Ernährung im Schnelldurchgang. Ich muss mindestens 2 Liter pro Tag trinken, damit die Kohlehydrate auch aufquellen können und ich satt werde. Ich werde jetzt zur Saufziege, damit alles quillt.

Alles hat man mir in der Lehrküche beigebracht. Wir sind 8 Personen, ich bin natürlich der, der am wenigsten
Ahnung hat, nämlich gar keine. Trotzdem schlage ich mich bei der Herrichtung eines 5-Gänge-Menues tapfer. Es macht viel Spaß, aber ich weiß jetzt schon, dass ich das Gelernte nicht umsetzen werde. Trotzdem wird es in der Zukunft gravierende Einschnitte geben. Ich werde in Zukunft wenig Fleisch. Süßigkeiten jeder Art muss ich mir verbieten, beim Essen werde ich mich in Zukunft etwas zurückhalten.


Um 14 Uhr fängt die Wirbelsäulengymnastik an. Eingepfercht zwischen zwei riesigen Bäuchen mache ich meine Übungen, deren Sinn ich nicht verstehe. Nach 30 Minuten ist alles vorbei, zum Glück!

Ab 15 Uhr Muskelentspannung. Man liegt auf einer Matratze und soll auf seine Knochen hören. Dabei erklingt leise Musik. Ich nicke ein, weil meine Knochen und Muskeln schweigen und einfach nicht mit mir kommunizieren wollen. Ich bekomme von dem Leiter mit der langweiligen Stimme einen sanften Stoß. Mein Nachbar hatte sich offensichtlich vertan und kommunizierte mit einem bestimmten Körperteil, was in der Halle ein überdeutliches Geräusch verursachte. Mit Peinlichkeit wurde diese Darmäußerung überhört, ich habe sie aber als Muskelentspannungsnachbar nicht überrochen.


Am Abend trinke ich fleißig und gehe dann ins Schwimmbad. Eigentlich wollte ich ja in die Sauna, aber heute sind die Damen dran. So kreise ich meine Runden im Schwimmbad und gehe anschließend in die Heißwasserabteilung. Da kann man es aushalten.


Nun lasse ich den Tag ausklingen, Kontakt habe ich noch keinen gefunden, heute saß ich am Tisch ganz allein. Es hat mir aber nichts ausgemacht. Im Gegenteil: Ich habe mir Zeit genommen, langsam gegessen und einfach so rumgedacht.

„Nehmen sie doch eine Birne, die Apfelsinen sind zu hart.“ Eine Kommunikation über das Wetter und das Essen hinaus, ist mit der bayrischen Madonna und ihrem Schutzpatron einfach nicht möglich. Na ja, es ist eben eine total andere Generation, die zu sehr mit ihren Krankheiten beschäftigt ist.


Irgendetwas stimmt nicht mit mir. Nach dem Müsliessen ziehe ich mich um, weil ich einen Termin zur Herzsportgruppe habe. Ich sitze rum, dann werden wir rein gelassen. Da merke ich, dass ich mich um eine Stunde vertan habe. Ja, so kann es kommen.

An der Rezeption hole ich mir noch den Plan für die nächste Woche ab. Ergometer, Gestaltungstherapie, was das auch immer sein mag, Herzübungsgruppe, Umgang mit Stress, Rückenschule und andere kleine Spielereien, denen ich mich unterziehen soll und muss. Alles wird mit einem Stempel quittiert.

Heute habe ich mal wieder mein Gesicht im Spiegel betrachtet. Es wird immer älter, es magert ab. Da ist kein Gramm Fett mehr zu sehen. Komisch, noch vor einigen Monaten war es anders. Ist das eine stille Protesthaltung? Was kann es sein? Das Leben gräbt sich in mein Gesicht ein, hinterlässt tiefe Spuren, die unauslöschlich sind. Aber warum wird mir das erst in einer Kur deutlich? Ich sehe mich doch jeden Tag im Spiegel.

Samstag: Um diese Zeit habe ich immer meine Wohnung auf Vordermann gebracht. Nun kann ich vier Wochen nichts tun. Vielleicht sind es aber auch nur 3 Wochen. Ich glaube nicht, dass ich eine Zusatzwoche bekomme.


11. November 2004

Nach der Herzsportgruppe, wir machen einige „kindgemäße Spiele“ mit einem Ball, die ich aber nicht bewerten möchte, gehe ich in die Sauna. Kein Mensch ist da, ich genieße das Alleinsein. Später erwische ich mich dabei, wie ich mich bereits um 11.40 Uhr in einer langen Schlange befinde, um  Mittag zu essen. Pünktlicher geht es kaum. Es gibt irgendein künstliches Schnitzel, was aber gut schmeckt. Die fettarme Nahrung fängt so langsam an zu schmecken. Ich esse viel Quark auf Brot, trinke dann reichlich und werde schnell satt.

Am Nachmittag fahre ich nach Schönberg und habe dort ein Eisenbahnmuseum entdeckt. Ich schaue mir staunend die alten Waggons an, die ich teilweise über 40 Jahre nicht mehr gesehen habe. Ich entdecke eine offene Türe und betrete einen alten Wagen. Ich kann mich sogar noch an die Lederriemen erinnern, mit denen man die Fenster sichert. Gern hätte ich mich in einem solchen Waggon fotografieren lassen, aber das ist eben der Nachteil, wenn man immer allein losfahren muss.

Hier ist ein kleines Filmchen zu sehen, welches ich gemacht habe.

Auch die Einrichtung der Fahrkartenverkaufsstelle fotografiere ich ausgiebig. Lange unterhalte ich mich noch mit den Betreibern. Sie bieten mir an, einen Lokführerschein zu machen, doch die Frage ist, wo ich diesen einsetzen könnte. Bestimmt nicht auf den Straßen. Zum Schluss mache ich noch eine Rundfahrt mit einer alten Straßenbahn. Da kommt Freude auf….

Dann gehe ich zum Schönberger Strand. Ich erlebe auf der großen Strandbrücke einen traumhaften Sonnenuntergang und kann mich mit dem Fotografieren kaum zurückhalten. Ich schaue auf das offene Meer und freue mich leise meines Lebens.

13. November 2004

Die Chefarztvisite ist vorbei. Es waren wohl gerade einmal 8 Minuten. Eine Formsache, keine Untersuchung, einfach nur ein kleines Gespräch. Der Chef hielt sich sehr bedeckt. Ich soll es mir gut gehen lassen. Eine Nachkur werde ich wohl nicht bekommen.

Um 11 Uhr besuche ich einen Vortrag, in dem es über Gesundheit geht. Es ist nur eine Einführung, morgen wird es interessanter, wenn spezielle Themen behandelt werden. Mein Hintermann gibt auf jede Frage der Prävention die stereotype Antwort: “Einen Jägermeister trinken!“ Beim ersten Mal mag man ja noch darüber lachen, später wird es dann doch peinlich und zeigt, wessen Geistes Kind dahinter steckt.

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