Verfasst von: Hao | 1. Dezember 2011

Kurtagebuch III

Am Abend gehe ich an den Strand. Wann war ich das letzte Mal an der See? Mein Domizil liegt rund einen Kilometer vom Ostseestrand entfernt. Ich fahre aus Zeitgründen mit meinen Wagen und gehe die letzten Meter zu Fuß. Es ist für mich immer ein überwältigendes Erlebnis, wenn ich nach vielen Jahren wieder einen Damm hinaufsteigen kann, um von der Aussicht begeistert zu sein. Ich rieche die Seeluft und sehe dann die unendliche Ferne der Ostsee. Das Wasser ist ruhig, Möwen suchen nach Fressbarem, und ich stehe und staune, komme mir im Angesicht dieser Weite weniger als winzig vor. Bedächtigen Schrittes gehe ich an den Strand, höre das Plätschern des Wassers und singe in meinem Inneren ein Loblied auf Gottes Schöpfung. Ich fasse in den noch warmen Sand und lasse ihn durch meine Hände gleiten. Ja, hier möchte ich meinen Lebensabend verbringen. Ich setze mich in den Sand und lasse meinen Gedanken freien Lauf. Wie schön es doch hier ist. Am Horizont ziehen große Schiffe vorbei, in einem goldenen Feuerwerk wird die Sonne vom Horizont verschluckt. Ich fotografiere wie ein Weltmeister, will alles festhalten, archivieren, um mich später auch noch darüber zu freuen.


Ich entdecke ein Fischerboot, welches an den Strand gezogen wurde: Lisa Marie, ein wunderschöner Name, gleichzeitig auch ein trautes Örtchen, an dem ich meinen Gedanken freien Raum lassen kann. Wer hat es so genannt? War es Zufall, suchte der Besitzer erst gar nicht nach einem Namen oder wollte er seiner Frau oder seiner Freundin eine große Freude machen? Ich weiß es nicht, ich werde es auch nie erfahren. Bei Lisa Marie hier werde ich mich oft in den nächsten Wochen aufhalten, Leben atmen und Freiheit buchstabieren. Ich werde es vermissen, das Boot…


Ich schaue mir wieder und wieder das Wellenspiel an. Leise plätschert das Wasser an den Strand, es herrscht eine fast heilige Ruhe. Ich genieße unendlich die Zeit und vergesse alles um mich herum. Was kann es Schöneres geben als die Abendstunden bei untergehender Sonne im Sand zu sitzen und das natürliche Ambiente zu genießen? Aber auch wenn die Sonne nicht zu sehen ist, ist dieses unendliche, blaugraue Farbenspiel zwischen Licht und Wasser, Wolken und Horizont, als eine einzigartige und wunderschöne Komposition Gottes unbeschreiblich. Die Sinfonie des Lebens wird mit Motiven aus der Jugend geschrieben.


31. Augut 2004

Am Nachmittag fahre ich mit meinem Wagen in das Schönberger Kindheitsmuseum. Liebevoll wurden alte Spielsachen zusammengetragen. Eine ungeahnte Sehnsucht nach der Kindheit kommt plötzlich auf. Ich schwelge in Erinnerungen.Ich sehe alte Schulbücher und Spielsachen, aus denen ich gelernt mit denen ich gespielt hatte. Da kann ich nicht anders: Still setze ich mich in eine alte Schulbank, unterdrücke meine Tränen und schreibe nach 50 Jahren wieder einmal auf eine Schiefertafel. „Hans Otto ist wieder ein Kind und fühlt sich wohl.“

Der Stift knirscht und fiepst, als ich ihn zitternd benutze, aber es ist Musik in meinen Ohren. Und dann sehe ich meine alten Lehrer, rieche Bohnerwachs und höre das Scheppern der Blechkästen, in denen die Kakaoflaschen transportiert wurden. Ich sehe sie, meine Mitschüler und das große Mosaik im Treppenhaus: „Ohne Fleiß kein Preis“. Ich denke an meine Schulbücher und Hefte, die ich bis heute aufgehoben habe. Nein, meine Schrift hat sich seit damals nicht viel verändert. Sie ist immer noch geschwungen, geprägt von vielen Rundungen. Woran das liegen mag? Vielleicht waren mir damals schon Ecken und Kanten suspekt. Und heute?????

„Hans Otto ist wieder ein Kind und fühlt sich wohl.“ Da ist es wieder, das Bild über meinem Bett. Der gute Hirte inmitten einer großen Herde. Er schaut auf den kleinen Hans Otto, der in seinem Bettchen schlummert und nicht ahnt, wie sehr er einmal auf diesen guten Hirten angewiesen sein wird. Ich sitze in der Bank und sinne nach. Ich weiß nicht, wie lange ich dort sitze….

Als ich mich vom Kindheitsmuseum losgerissen habe und noch einen Spaziergang an der Ostsee mache, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen, (ist er nicht im Museum erst klar geworden???),  ist er wieder da, der Vers, der aus meinem Leben nie mehr wegzudenken ist: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

1.September 2004

Heute ist Stress angesagt. Um 8 Uhr bringe ich meinen Rücken in die Schule. Rückenschule nennt man das. Ob er was lernt??? Um 8.30 Uhr dann Wassergymnastik. Ein Herzpatient ertrinkt fast, weil er nicht schwimmen kann und das vorher nicht gesagt hat. Ich muss zwischendurch mal, verlasse kurzfristig den Raum. Dann komme ich wieder und mache eine Arschbombe vom Rand aus. Ich erhalte eine Verwarnung, weil überall steht, dass dieses verboten ist. Die Leute beschweren sich, dass sie nichts mehr sehen können, weil ihre Brillen nass sind. 5 Minuten später soll ein Echokardiogramm gemacht werden. Ich warte 20 Minuten, dann komm ich an die Reihe. Ich hab offensichtlich ein gesundes Herz, alles ist am richtigen Platz. 10 Minuten muss ich Radfahren, Anfangspuls 82, nach 10 Minuten 95, nach einer Minute Ruhe 92. Man ist zufrieden. Stressbewältigung: Ohne Pause geht es weiter zu diesem einstündigen Vortrag. Interessante Aspekte, die es umzusetzen gilt. Es gibt auch einen positiven Stress, nämlich wenn danach entsprechende Ruhepausen gegeben sind.

Ich komme erst um 13 Uhr zum Essen, der Eintopf schmeckt. Ich lese noch die Zeitung, dann geht´s um 14 Uhr in die Sporthalle zum Muskeltraining.

Am Nachmittag mache ich mich auf den Weg nach Schönberg. Ich gehe langsam durch die Stadt und fühle mich wie ein Rentner. Noch schlappe 10 Jahre und ich bin einer. Um 16 Uhr gehe ich in die Freizeitgruppe Fotografieren. Ich bin der Einzige. Der Mann, der mir so schmierig freundlich erscheint, hat nicht einmal, wie schon zugesagt, seine Kamera mitgebracht, sondern hört mir geduldig zu, interessiert sich aber nicht einmal für meine Bilder. Er ist froh, als die Zeit vorbei ist, ich auch. Es hat weniger als nichts gebracht.

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