Verfasst von: Hao | 20. Januar 2012

Kurtagebuch I

2004 habe ich auf Grund einer Herzgeschichte eine Kur in Schönberg/Ostsee machen müssen. Damals hatte ich noch keinen Blog. Trotzdem stelle ich das Kurtagebuch hier auszugsweise hinein.

26.August

Angekommen. Ich bin in der Ostsee-Klinik Schönberg-Holm, angekommen nach 281 km um 19.30 Uhr. Angekommen? Wohl kaum. Ich bin angekommen, aber meine Gedanken sind überall, nur nicht hier. Ich kam erst gegen 15.15 Uhr los. Eigentlich sollte ich schon um 14 Uhr hier sein, doch mit den Terminen ist es bei mir so eine Sache. Die Fahrt war nicht einfach.

Ich fuhr von einem Gewitter in das Nächste, schaffte aber dann doch die Strecke von 280 km ohne Unfall. Vorher hatte ich natürlich noch im Haus sehr viel zu tun, um es einigermaßen sauber zu verlassen.

Natürlich war die Rezeption schon dicht. Im Flur saßen zwei wohlbeleibte ältere Herren, die mir weiterhalfen. Ich wurde zu einer Krankenschwester geleitet, die mir dann mein Zimmer zeigte. Ich traute meinen Augen nicht: Ein herrlicher Meerblick. Sagte ich „Meerblick“? Nein, vielleicht meinte ich Mehr-Blick. „Ja, das Meer ist da hinten irgendwo!“ Danke für die Auskunft. So kommt es, wenn man die Prospekte nicht liest. Ich hatte nicht einmal Muße mich im Net umzusehen, was Schönberg zu bieten hat. Dafür habe ich eine Einladung einer christlichen Versammlung gesehen, die ich am Sonntag besuchen werde.

„Sie müssen morgen um 7.30 Uhr zum Wiegen bei Schwester Danuta sein!“ Ich las den Zettel auf meinem Schreibtisch. Ein starkes Stück, die Leute kennen mich nicht einmal und schon werde ich erwachsener Mann herumkommandiert. Das fängt schon gut an. Auf dem Weg zum Zimmer mache ich die ersten Geruchsproben. Nein, das ist keine Nobelherberge, es scheint ein Kurhaus zu sein. Es riecht nach Krankenhaus. Ich werde mich daran zu gewöhnen haben.

Mit einer Karre fahre ich meine Koffer in den zweiten Stock. Der Zimmerschlüssel passt nicht. Kein Wunder, wenn die Nummer nicht identisch mit dem Zimmer ist. Zum Glück hat das keiner gemerkt. Ich packe die Sachen aus. Ich will Ordnung halten, will das Zimmer nicht verschlampen. Habe wieder einmal die Seife vergessen. Nein, hier gibt es keine. Es muss gespart werden. Auf dem Tisch entdecke ich einen Apfel und eine Birne. Mein Abendessen. Zum Glück sind sie nicht aus Plastik. Ich vermisse mein Handy. Ist es noch im Auto? Ich will heute nicht noch suchen, denn die Türen werden früh geschlossen. Ich mache eine Kur. Kuren tätigen alte Leute, aber nicht ich? Doch, ich bin alt, langsam schleichend hat sich das Alter meiner bemächtigt. Ich kann mich nicht wehren, alles geht viel langsamer als noch vor einigen Jahren. „Morgen bekommen Sie ihren Essplatz zugewiesen“. „Aha“, denke ich, „bist aber schon tief gesunken!“ Nein, ich kann mich nicht dahin setzen, wo ich möchte, ich werde platziert. Hatten wir das nicht schon einmal im Osten? Das kann ja noch heiter werden.

Ich entdecke bei meinem Gang in mein Zimmer immer nur alte Menschen. Logo, junge Hüpfer bekommen auch keine Kur. Irgendwie bin ich geladen. Ich sollte doch eigentlich dankbar für das Geschenk sein. Na ja, mal sehen, was der neue Tag bringt.

27. August 7.11 Uhr

Ich habe sehr gut geschlafen, allerdings fehlte mir ein Kopfkissen, was ich heute vom zweiten leeren Bett nehmen werde. Ich darf auch im Schlaf den Überblick nicht verlieren. Der Wecker des Handys, welches ich mir noch am Abend aus dem Auto geholt hatte, reißt mich aus sinnlosen Träumen heraus. Die Dusche erfreut mich. Ich ertappe mich dabei, wie ich das Lied „All Morgen ist ganz frisch und neu“ summe. Ja, Morgenstund hat Gold im Mund. Ich sollte wieder früher aufstehen und auch früher ins Bett gehen. So, jetzt lasse ich mich wiegen und mir einen Platz zuweisen. Ich will nicht meckern und überheblich sein, aber das Tischgebet lasse ich mir dann doch nicht nehmen. Basta!

8.45 Uhr Hurra, Hurra, Heureka: Ich hab mein Zimmer wieder gefunden. Nun gelte ich doch nicht als vermisst. Ich mache mich auf den Weg zu Schwester Danuta. Jeder hier im Haus grüßt mich: „Morgen, morgen, morgen“. Irgendwie geht mir das auf den Keks. Scheint wohl ein ungeschriebenes Gesetz im Hause zu sein. Wie oft ich heute schon unbekannte Menschen gegrüßt habe? Das hab ich in den letzten vier Jahren nicht geschafft.

Ich bekomme die ersten Termine und ein Röhrchen. Wie soll ich darein machen? Aha, nun erhalte ich auch noch ein entsprechendes „Füllgerät“. Abgabe am Montag. Soll ich erst am Montag rein pieseln oder schon jetzt und das Ganze stehen lassen? Warum sagt mir das keiner?

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