Verfasst von: Hao | 20. Januar 2012

Kurtagebuch II

11Uhr 15

Ich bin ein Lernender. Immer wieder habe ich mich heute gefragt, was man denn nun zwischen den Zeiten sagt, wenn man sich auf dem Flur begegnet? Jetzt weiß ich es: „Hallo“. Interessant!

Ich sitze vor der Türe des Arztes und warte. Nichts passiert. Irgendwie habe ich auch keine Lust anzuklopfen. Ich sitze nur einfach so rum. „Will jemand zu mir?“ „Ja, ich!“ „Warum haben sie nicht geklopft?“ Komisch, früher habe ich mir immer meinen Weg freigekämpft. Heute sitze ich einfach so rum und lasse mich verwalten.

„Die Letzten werden die Ersten sein“, meint er. „Das steht in der Bibel“, sage ich. „Ja, kenn ich, im AT.“ „Sorry, aber dieser Satz ist im NT zu finden.“ Er zuckt zusammen, wir fachsimpeln über die Kirche. Sein Vater ist Kirchenbeamter. Gottes Wege sind wirklich wunderbar, auch wenn der Dr. nichts vom Glauben hält.

Er liest sich lange die Entlassungspapiere durch. Er kann nicht verstehen, warum man im KKH keinen Herzkatheder gelegt hat. Die Lyse hätte ins Auge gehen können.

Fast eine Stunde bleibe ich bei ihm. Er imponiert mir, spricht mit mir alles durch. Er bietet mir die ganze Palette an, schließt aber esotherisches Zeugs aus. „Das ist nichts für Sie!“ Er hat es genau erkannt.

Fest steht, dass die ganze Sache wohl eine psychosomatische Angelegenheit war. Gespräche mit dem Psychologen, viel Schwimmen, eine Lehrküche, Stressbewältigung und andere Dinge hatte er aufgeschrieben. Oft schweifen wir ab, er scheint sich für mich zu interessieren, er gibt sich Mühe, es ist sehr angenehm.

Ja, ein hoffnungsvoller Start. Wenn ich gleich das Zimmer verlasse, werde ich mich auf „Mahlzeit“ einzustellen haben. Ob ich so schnell schalten kann??

Nachdem ich zielgerichtet mein Wasser abgelassen hatte, geht es zum Speisesaal. Mir kommt eine ganze Armada an humpelnden und krank aussehenden Menschen entgegen. Ist der Krieg gerade zu Ende gegangen? Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück? Die Revolution entlässt ihre Kinder… Vorbei an ausgestopften Lachmöwen, Putzmännern und Menschen, die bei einem Vergleich mit mir nicht besonders gut abschneiden.

Ein riesiger Speiseraum. Nein, da ist keine Einweisekellnerin. Ich versuche meine Nummer zu finden: Vergebliche Liebesmühe. Da finde ich einen guten Geist. Eine Bedienstete geleitet mich zu Tisch 13. Nein, ich bin nicht abergläubisch. Dort sitzt ein älteres Ehepaar, offensichtlich aus Bayern. Ich wende mein charmantes „Morgen“ an und erhalte als Dank eine endlose Litanei von Verhaltensregeln, noch bevor ich mich gesetzt habe. „Sie dürfen nur ein Brötchen essen!“, muss ich mir sagen lassen. Die Leute haben scheinbar auf mich gewartet. Ich gehe zum Büffet. Ich bleibe bei Müsli und Jogurt hängen, dazu eine Tasse Milch. Ich setzte mich wieder, die Frau legt wieder los. Nicht einmal bei meinem Tischgebet hört sie auf. Sie hat es wohl nicht bemerkt. Ich schaue mich vorsichtig um. Manche sehen richtig gesund aus, so dass man fragen müsste: „Was suchen die hier?“ Da ein Mann mit langen Haaren, hier eine Frau mit einem Rastazopf, dazwischen Kinder, alle stehen nach Kaffee an.

Ich versuche beim Essen nicht zu schaufeln, weil ich schnell wieder raus will, aber es gelingt mir nicht. Die bayrischen Verhaltensmaßnahmen nerven: „Einmal in der Zeit kommt der Herr Prof. auf ihr Zimmer. Das ist ein netter Mann.“ Nach zehn Minuten bin ich schon satt, obwohl ich wenig gegessen habe. Ja, der Tisch 13.


Dann auf zur Rezeption. Nein, keine Papiere, wie die bayrische Madonna mir gesagt hatte. Den Weg hätte ich mir sparen können.

Anschließend weiter zum EKG. „Morgen, Morgen, Morgen“. Will es denn gar nicht aufhören? Da gibt es doch auch noch einen Mittag, einen Nachmittag und auch noch einen Abend. Das kann heiter werden.

Ich irre durch das Haus. „Kommen sie mit mir, ich zeige Ihnen den Weg!“ Die bayrische Maria
steht wieder da. Sie bringt mich ans Ziel, wo ich höre: „Hier sind sie verkehrt.“

Ich kämpfe mich weiter durch. Um 8.10 Uhr habe ich mein
Ziel gefunden. Was soll der Unsinn? Ich hab doch erst um 8.30 Uhr einen Termin und bin schon hier? „Morgen, morgen, morgen.“ Ich muss mir einen anderen Platz suchen, ich will nicht auf dem Präsentierteller sitzen.

Da kommt ein Pfleger mit einem leeren Rollstuhl. Bin ich froh, dass ich einen solchen noch nicht brauche. Nach zwei Minuten ist er wieder da. Der Rollstuhl ist mit Akten beladen. „Sie haben aber einen komischen Patienten“, rutscht es mir raus. Er grinst: „Meinen sie etwa, ich würde das Zeugs schleppen?“

Um 8.30 Uhr ist es soweit. „Oberkörper freimachen!“ Ich mag es nicht, wenn man sich so vor fremden Frauen entblättern muss, wenn sie so dicht an einen herankommen. Nicht einmal ihren Namen kenne ich. Nach zwei Versuchen: Die Elektroden halten nicht. „Ich muss sie rasieren.“ „Das steht aber nicht im Programm“, erwidere ich, lasse es aber mit mir machen. Ich glaube, ich muss noch viel mit mir hier machen lassen. Dann klappt es.

Ich versuche wieder den Weg zu meinem Zimmer zu finden. Nun brauche ich nur einmal zu fragen. „Morgen, Morgen, Morgen.“ Ich habe mich schon dran gewöhnt.

Um 10 Uhr habe ich eine Untersuchung. Ich wollte hier mal Urlaub machen, werde aber schon ganz nett gescheucht und das am ersten Tag. Was mag noch auf mich zukommen? Werde mich jetzt schon langsam auf „Mahlzeit, Mahlzeit, Mahlzeit“ einstellen. Aha, gerade kommt die Putzfrau. Handtücher werden nur zweimal in der Woche ausgetauscht. Da lebe ich ja in meinem Kobel noch hygienischer.

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