Verfasst von: Hao | 20. Januar 2012

Kurtagebuch V

17.09.2004 Heute ist Stress angesagt. Um 8 Uhr Rückenschule, ich bin verkehrt, der Plan wird umgeschmissen. Um 8.30 Uhr dann Wassergymnastik. Ein Herzpatient ertrinkt fast, weil er nicht schwimmen kann und das vorher nicht gesagt hat. Ich muss zwischendurch mal, verlasse kurzfristig die Schwimmhalle, komme wieder und mache eine Arschbombe vom Rand ins Wasser. Ich erhalte eine Verwarnung, weil zu lesen ist: „Springen vom Rand verboten. Die Leute beschweren sich, dass sie nichts mehr sehen können, weil ihre Brillen nass sind.

Kurze Zeit später wird ein Echokardiogramm gemacht. Ich warte 20 Minuten, dann komme ich an die Reihe. Ich habe offensichtlich ein gesundes Herz, alles ist am richtigen Platz. Nach 10 Minuten muss ich Radfahren, Anfangspuls 82, nach 10 Minuten 95, nach einer Minute Ruhe 92. Man ist zufrieden. Dann geht es ohne Pause weiter zu einem einstündigen Vortrag über Stressbewältigung. Interessante Aspekte, die es umzusetzen gilt. Es gibt auch einen positiven Stress, nämlich wenn danach entsprechende Ruhepausen gegeben sind,

Nach dem Frühstück geht es ans Fahrradfahren, was mir auch keine Probleme bereitet. Dann habe ich 30 Minuten Zeit. Ich will mich nicht so lange aufs Zimmer setzen, sondern bleibe in der Halle. Da sehe ich eine ältere Frau ein Buch lesen: „Hauptberuf Beterin“. Schon lerne ich die erste Christin kennen, die ihren Mann begleitet. Ich empfinde in diesem Augenblick große Freude, hatte ich doch immer wieder darum gebetet. Wir unterhalten uns lange, ich oute mich sofort. Dann geht es zur Anmeldung für die Stressbewältigungsgruppe. Danach zum Turnen, wenige Minuten später dann ein Referat über Alltagsdrogen, was aber keinen roten Faden hat.


Nach dem Mittagessen mache ich einen zweistündigen Mittagsschlaf und gehe dann in eine Gruppe für Stressbewältigung, die um 15 Uhr anfängt. Sie besteht aus drei Personen, darunter auch Hans, den ich schon am ersten Tag kennen gelernt habe. Ich soll mich vorstellen, was ich auch ausgiebig tue. Als dann irgend so ein besserwisserischer Regierungsrat: „Ich bin auch konfirmiert, gehe auch einmal im Jahr zur Kirche und lese jeden Tag 10 Seiten Belletristik“, ein esoterisches Buch auf den Tisch legt, kann ich nicht anders und erzähle von Jesus. Plötzlich meldet sich ein weiterer Teilnehmer und erzählt, dass er auch in eine Gemeinde geht. Ich wusste es doch, ist er mir doch schon beim Sport positiv aufgefallen.
Im Anschluss frage ich ihn dann und erfahre, dass er aus der Freien Evangelischen Gemeinde in Solingen kommt. Ich bin sprachlos. Ich lade ihn ein zu einer langen Strandwanderung, allerdings kommt dabei das Fotografieren viel zu kurz, kein Wunder, haben wir uns doch viel zu erzählen.


Ich freue mich sehr darüber und denke, dass wir noch einige Sachen miteinander machen werden. Gott geht manchmal seltsame Wege.

Um 18.30 Uhr dann ein Gespräch mit dem Klinkseelsorger. Sechs Personen sind anwesend. Wir stellen uns vor und arbeiten zum Thema: „Wie stelle ich mir meine Insel vor?“ Zum Schluss bitte ich den Pastor mit uns das „Vater unser“ zu beten. Er kommt leider einfach nicht auf diese „Idee“. Ich muss mit den Tränen kämpfen.

Juchu, ich habe es geschafft. Bei der Visite des Stationsarztes sagt mir dieser, dass ich eine Woche Nachkur bekomme. Ich hätte nicht damit gerechnet. Abgesetzt wurde auch die Rückengymnastik, weil die Schmerzen unerträglich wurden, Jetzt soll es privat weitergehen. Ich freue mich natürlich sehr über diese Verlängerung, brauche ich mich doch nicht um das Alltagsgeschäft zu kümmern. Ich bin hier in guten Händen und fühle mich sehr wohl. Ich bin mal gespannt, was ich noch so alles erleben darf.


Ich freue mich und bin fröhlich in dir und lobe deinen Namen, du Allerhöchster. Diesen Vers aus Psalm 9 lese ich in meiner stillen Zeit. Freude, auch wenn ich mit 12 Grad kaltem Wasser abgespritzt werde, Wasser, das noch 4 Grad kälter als die Ostsee ist? Ich weiß nicht so recht… Es ist gut für meine Gesundheit, daran will und muss ich mich halten, auch wenn es schwer fällt.


Heute bekomme ich gleich zwei Schocks. Zuerst eine Psychotherapeutin, oder wie sie sich nennt. Jedenfalls muss ich mich vor ihr ohne Vorwarnung bis auf die Unterhose ausziehen. Das hätte man mir vorher sagen sollen. Ich finde das für mich sehr demütigend, bin ärgerlich, sogar etwas sauer. Als ich ihr dann sage, dass ich eine Perikaditis hatte und wir anfangen zu fachsimpeln, meint sie: „Sie müssen sich entweder für den Rücken oder für die Lunge entscheiden.“ „Lunge? Was hat denn die Lunge damit zu tun?. Eine Perikaditis ist doch eine Herzgeschichte.“ Da wird sie sehr rot und bittet mehrmals um Entschuldigung. Peinliche Geschichte. Egal: Ich stehe fast nackt vor ihr. Warum hat mich denn keiner gewarnt? Und das um 7.20 Uhr, noch vor dem Frühstück.



Dann der nächste Schock: Die Kneipgüsse mit 12 Grad kaltem Wasser. Vielleicht sollte ich mich doch nicht so über die Verlängerung freuen. Wie war das noch mit der Fröhlichkeit???


Was mich immer wieder neu fasziniert und in den Bann zieht, ist die unendliche Weite des Meeres. Oft besuche i
ch zwei- oder dreimal am Tag den Strand, um einen Eindruck von der Unendlichkeit zu bekommen, die es doch auf Erden nicht gibt, geht es doch hinter dem Horizont immer noch weiter, auch wenn man nichts sieht. Faszinierend für mich ist der nahtlose Übergang vom Wasser zum Himmel. Ich versuche immer Fixpunkte auszumachen, aber der Abendnebel beginnt oft schon kurz hinter der Seebrücke und taucht alles in ein diffuses Gemälde mit den Farben Blau, Grau und Türkis. Auf den ersten Blick vielleicht langweilig, aber schaut man dieses Kunstwerk länger an, so erkennt man die Schönheit des Meeres.

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