Verfasst von: Hao | 8. Januar 2013

Besuch im KZ Bergen-Belsen

In unregelmäßigen Abständen besuche ich die Gedenkstätte Bergen-Belsen, meist in der „düsteren Jahreszeit, im Spätherbst. Am 19. November 2012 war es wieder einmal so weit.

Ich betrete die Dokumentationsräume in einem rohen Betonklotz, der düster und bedrückend auf mich wirkt. Unwirklich steht er da in der Heidelandschaft, der schmucklose Bau. Beim Betreten umfängt eine schmerzhafte Stille, zumal ich der einzige Besucher bin. Das Atmen fällt mir schwer, jeder Meter ist hier mit Blut getränkt. Nur am Kopfende des Betontunnels weitet sich der Blick nach draußen. Die Schönheit der Natur schmerzt, die Augen spielen verrückt und gaukeln mir ein großes Gemälde vor.

Ich fotografiere die im Boden eingelassenen Fundstücke, die auf dem Gelände bei Restaurationsarbeiten gefunden wurden. Bruchstücke aus der Hölle. Wie viel Blut haben diese Höllenstücke wohl gesehen?

Übermächtig ein langer Betonkorridor, der nicht enden will. Ich bekomme fast Platzangst. Das will schon was heißen. Nach dem Verlassen des Gebäudes passiere ich 13 Massengräber. „Hier ruhen 5000 Tote. Hier ruhen 10.000 Tote“. Zu Stein gewordene Menschenschicksale, undenkbar diese auch nur im Ansatz nachzuvollziehen.

Unvorstellbar, was Menschen Menschen angetan haben und nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Waren die Massenmörder wirklich Menschen?

Auf jeden Fall hatten die Opfer, aber nicht die Täter Menschenwürde, auch wenn sie nackt in Massengräbern verscharrt wurden.

Doch Vorsicht: Wie sagte neulich ein renommierter Theologe? „Ich kenne keine Sünde, der ich nicht fähig wäre.“ Ich freue ich mich über die „Gnade der späten Geburt“. Für was wäre ich fähig gewesen? Ich weiß es nicht.

Die lange Lagerstraße mit in den Boden eingefügten Reliefs, die Einzelheiten der Hölle in der Lüneburger Heide aufzeigen, verdeutlichen an anschaulicher Art das System der Vernichtungsmaschinerie.

Ich verweile im Raum der Stille. Hier kommt mir die stillere Stille noch stiller als auf dem Gelände vor. Doch als ich den Raum in Dreiecksform wieder verlasse, geht der Lärm los. Gefechtslärm, bestehend aus MG-Salven und Panzergeschossen dringt an mein Ohr. Nur ca. 5 Kilometer entfernt befindet sich ein riesiger Truppenübungsplatz, wo wieder einmal für den Dritten Weltkrieg geübt wird. Eine makabre Geräuschkulisse für die Besichtigung einer KZ-Gedächtnisstätte gibt es wohl nicht.

Als ich den Ort des inkarnierten Bösen verlasse, setzt bereits die Dämmerung ein. Auf der Heimfahrt versuche ich die Eindrücke zu verdrängen. Doch sie haben sich zu sehr in mir eingebrannt. Ich schaffe es nicht. So einfach kann ich nicht wieder zum Tagesgeschehen übergehen, denn die Gräueltaten wiegen zu schwer, auch wenn ich solche Orte nicht zum ersten Mal besuche. Deshalb muss ich auch diesen Film machen.

Hier habe ich auch schon einmal darüber berichtet.

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Responses

  1. Lieber Hans Otto,
    mir geht es ähnlich wie Dir, dass ich fassungslos das Geschehen an Millionen von Juden und vielen anderen Nationalitäten reflektiere und nicht verstehe, wie ein Mensch dazu fähig ist. Kürzlich habe ich das Buch von Dietrich Bonhöfer angehört und habe erkannt, dass nicht alle unwissend waren, was in den Lagern geschehen ist. Dietrich und seine Freunde haben mit aller Macht versucht diesen Verrückten Hitler von der Macht zu bekommen. Die Zeitgechichte zeigt uns, dass alles anders kam.
    Viele sagen, wir wussten nichts davon. Es ist geschehen und Gnade uns Gott wenn wir heute schweigen und nicht deutlich aussprechen was damals geschehen ist.
    Die Tendenzen schwingen wieder auf die andere Seite.
    Hans Otto danke für das Erinnern……

    Hajo


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