Verfasst von: Hao | 26. November 2011

Erinnerungen an meinen Lehrmeister (I)

Beerdigungsansprache für meinen Lehrmeister, Helmut Nöll, am 17.12.1997 in Remscheid-Lennep (1)

Liebe Trauergemeinde,

eigentlich sollte der dritte Advent ein besinnliches Wochenende werden. Mal ausspannen, sich auf das Weihnachtsfest freuen, die Adventszeit genießen.

Doch jener Anruf am Samstag morgen gegen 9 Uhr, durch den mir Jutta die Nachricht übermittelte, dass der Vater in der Nacht von Freitag auf Samstag im wahrsten Sinne des Wortes „eingeschlafen“ sei, hat mich tief getroffen.

Diese traurige Mitteilung war für mich mit der Bitte verbunden, Helmut Nöll in der Trauerfeier als Redner gemeinsam mit Ihnen die letzte Ehre zu erweisen.

Ich habe überaus gern diese Bitte angenommen, auch wenn dieser Abschied nicht leicht ist, kam doch der Tod für alle unfassbar schnell. Da gab es keine Vorbereitungszeit, kein intensives Abschied nehmen, kein sich Einstellen auf eine völlig neue und nie gekannte Situation. Was noch vor wenigen Tagen normal war, die Gegenwart von Helmut, gehört seit dem Wochenende der Vergangenheit an. Es wird nie mehr wieder so sein, wie es bis Freitag war: Helmut Nöll lebt nicht mehr.

Jeder hat den Verstorbenen in einer anderen Art und Weise kennengelernt, aber nur vier Personen auf der Welt, erlebten Helmut Nöll als Lehrmeister, aber als einen der besonderen Art.

Da betrat im Winter 1962 der damals 13jährige Hans Otto auf Vermittlung seines Vaters, der hier am Ort die Post austrug und der von dem Verstorbenen gehört hatte, dass er einen Lehrling suchen würde, zum ersten Mal in seinem Leben eine Gravieranstalt ohne auch nur einen blassen Schimmer davon zu haben, was ihn da erwartete.

In einer alten umgebauten Garage, versteckt hinter dem Haus in der Borner Straße 5, saß mit einer schwarzen Lupe auf dem Kopf mit den wenigen Haaren ein freundlicher Mann an einem ausgeschnittenen Tisch vor einer Eisenkugel, die er immer drehte. Die fast gespenstisch wirkende Szenerie wurde nur durch eine kleine Lampe erhellt, unter deren Lichtkegel Helmut Nöll saß. Ein alter Volksempfänger, der auf der Fensterbank stand, machte Musik und ein uralter Ofen sorgte für eine mollige Wärme. Die Maschinen waren, bis auf die Graviermaschine, deutlich älter als ihr Besitzer. „Bin ich hier in einem technischen Museum gelandet?“, schoss es mir durch den Kopf.


Freundlich begrüßte mich der unbekannte Mann, der große Gelassenheit und Ruhe ausstrahlte, genau das, was ich in der damaligen Situation als aufgeregter Schulabgänger brauchte. Helmut Nöll drückte mir eine Feile in die Hand und testete mein handwerkliches Geschick. Offensichtlich muss ich beim Probefeilen Eindruck gemacht haben, denn der Lehrvertrag ließ nicht lange auf sich warten.

Bereut habe ich die Unterschrift in keiner Sekunde meines Lebens, denn sonst wäre ich heute bestimmt nicht hier, sonst hätte Jutta mich sicherlich nicht angerufen und um diesen Dienst gebeten.

Helmut Nöll war, und das sage ich ohne Übertreibung, neben meinen Eltern mein heimlicher Erzieher, ohne dass er es wusste und ich ihm das jemals gesagt habe. Das, was ich bin und wie ich jetzt lebe, ist auch ein Stück weit sein Verdienst. Nie habe ich in der Zeit zwischen 1962 und 1973 und dann noch in den Semesterferien bis 1976, in denen ich als Aushilfe immer ein gern gesehener Gast war, meinen Lehrmeister irgendwann einmal aggressiv, unausgeglichen oder schreiend erlebt. Ich kann mich auch nicht daran erinnern, dass er jemals einmal mit mir so richtig böse war. Meinungsverschiedenheiten gab es höchstens bei der Wahl der Rundfunksender. Während ich die Beatles hören wollte, stand Helmut Nöll auf deutsche Musik. Gestichelt hat er nur mit dem Stichel, nie dumme oder beleidigende Sprüche über mich oder andere Menschen gemacht.



Helmut gehörte zu den Stillen im Lande. Er war nicht ein Mann großer Worte, sondern ruhig, nie protzig und immer sehr bescheiden. Das wurde nicht zuletzt auch daran deutlich, daß er trotz des Wirtschaftswunders immer bei einem VW-Käfer blieb, den er fast unter Tränen 1991 verkaufte.

Handwerklich hatte der Graveurmeister großes Geschick. Lassen Sie sich mal von Jutta Helmuts Meisterstück zeigen, einen Stempel, der eine Weltkugel zeigt, die mit Abbildungen verschiedener Werkzeuge und der Schrift: „Remscheider Werkzeuge sind in der ganzen Welt bekannt“ graviert ist. Mit diesem Stempelabdruck schmückte er auch seine Rechnungen. Dann werden Sie eine kleine Vorstellung über die künstlerische Begabung des Verstorbenen bekommen.


Er konnte nicht nur Schriften von einem Millimeter Größe aus Stahl oder Messing ohne Einsatz einer Maschine herausarbeiten, sondern ging auf die ausgefallensten Wünsche der Kunden ein.


Auch die zahlreichen gravierten Kupferplatten, die er in einem kleinen Schränkchen in der Werkstatt aufbewahrte, und die ich dann immer Neukunden zeigte, um ihnen zu demonstrieren, daß sie es bei dem Graveurmeister Nöll wirklich mit einem Meister seines Faches zu tun hatten, (ihm war es oft peinlich), zeugten sie doch von dem hohen Grad seines handwerklichen Geschickes.


Bei den Platten befand sich auch jenes bekannte Bild von Albrecht Dürer, das Christus mit der Dornenkrone zeigte. Diese Platte habe ich mir ab und zu, wenn ich allein war, immer wieder gern angesehen. Das, was mich daran faszinierte, war nicht so sehr die Begabung, mit der der Verstorbene dieses kleine Kunstwerk schuf, sondern die Tatsache, dass der Kupferstich unvollendet war. Während eine Seite fast fertig ist, kann man auf der anderen Seite nur Fragmente des Christuskopfes sehen. Warum Helmut Nöll diesen nicht fertig gestellt hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben.


So richtig zuschlagen konnte mein Lehrmeister natürlich auch, aber nur auf den Ambos, der sich im hinteren Raum der Werkstatt, den er als Schmiede ausgebaut hatte, befand. „Du musst fester schlagen, das ist nicht Deine Mutter“, meinte er öfters, wenn ich mich mit der Schmiedekunst beschäftigte. Auch auf meinen Hinweis: „Meister, lasst uns doch die fertig geschmiedeten Rohlinge kaufen“, ging er nicht ein. Was er selbst machen konnte, das erledigte er auch in Eigenarbeit.

Nie hat er Dinge leichtfertig weggeworfen. Eines Tages gab es einen lauten Knall. Wir beide stürmten aus der Werkstatt heraus auf die Borner Straße und entdeckten einen demolierten Tisch, den offensichtlich ein Lastwagen gerade verloren haben musste. Das ramponierte Möbelstück wurde von uns geborgen und von uns in der Werkstatt wieder einigermaßen gerichtet. „Er tat danach“, so berichtete mir Jutta später, „noch jahrelang gute Dienste, auch wenn der Tisch immer bedrohlich wackelte.“
Helmut Nöll war ein Mensch aus echtem Remscheider Urgestein, ein Mann mit einem überaus trockenen Humor, so wie er nur in diesen Breitengraden zu finden ist. „Hier ist die letzte Gravieranstalt vor der Autobahn“. So meldete sich mein Lehrmeister häufig, wenn Kunden die 6 20 80 anriefen. Nie vergesse ich die Geschichte mit seiner Armbanduhr, die er mir eines Tages ohne mit der Wimper zu zucken, erzählte. Im Zug der Renovierung des Wasserturms auf dem Nachbargrundstück, der in späteren Jahren gesprengt wurde, besichtigte er diesen. Beim Hineinschauen in den großen Wasserkessel verhedderte er sich mit seinem Ärmel am Beckenrand und seine Armbanduhr fiel ins Wasser. Der Ärger war groß, doch wenige Tage später kam er freudestrahlend in die Werkstatt, zeigte mir seine verloren gegangene Uhr und erklärte: „Hans Otto, stell Dir vor, heute morgen beim Händewaschen rutschte sie plötzlich aus der Wasserleitung in das Spülbecken. Überleg mal, was ich für ein Glück habe, dass die Uhr gerade aus meinem Wasserhahn und nicht beim Nachbarn herauskam“. Später ist, wie wir alle wissen, der Wasserturm gesprengt worden. Auch da waren wir dabei und schauten dem Spektakel zu. Er war denn auch der Erste, der dem Sprengmeister nach dessen Erfolg gratulierte.

Und wenn der unerfahrene Lehrling beim Arbeiten am Schleifbock einmal abrutschte und ein wenig Blut floss, dann klebte mein Meister mir selbst das Pflaster mit der Bemerkung auf: „Das war ungeschicktes Fleisch, das musste einfach weggeschmirgelt werden. Beim nächsten Mal stört es dich nicht mehr, weil es nicht mehr da ist“.


Das war Helmut Nöll, ein liebenswertes Unikum, ein Handwerker aus echtem Schrot und Korn, ein Remscheider mit dem Herz am richtigen Fleck.

Ich hatte eine Lehrstelle mit einem Fast-Familienanschluss. Konnte ich es wirklich noch besser haben?

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Responses

  1. […] eingefleischter Graveur mit Sitzfleisch gearbeitet habe, sollte sich hier noch einmal die Beerdigungsanprache meines Chefs […]


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